Tut uns leid, dieses Jahr fällt Armut leider aus

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Erinnern Sie sich noch an den Armutsbericht, den der Paritätische Wohlfahrtsverband in der letzten Februarwoche des Jahres veröffentlich hat? Dieser Armutsbericht gehört zum alljährlich wiederkehrenden Ritual der Sozialindustrie, um das Augenmerk auf die Abgehängten unserer Republik zu richten. Wer weniger als 60% des mittleren Einkommens zur Verfügung hat, gilt in Deutschland als arm. Laut Paritätischem Wohlfahrtsverband werden in Deutschland Haushalte mit einer Person und einem Einkommen von weniger als 892 Euro pro Monat als arm bewertet. Bei einer Familie mit zwei Kindern liegt die Grenze bei 1.872 Euro.

Bisher gehörte es zum politischen Spiel der Bundesrepublik Deutschland, dass der Armutsbericht veröffentlicht wurde und dann die Diskussionen um dessen Ergebnisse begannen. In den Zeitungen, in den Kommentarspalten und in den Talkshows. Meist war der Tenor: die Deutschen werden ärmer und die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auf. Der Armutsbericht 2016 stellt zwar nun fest, dass etwas weniger Menschen von Armut betroffen wären als noch die Jahre vorher, aber dass die ungleiche Verteilung des Reichtums eklatant zugenommen habe. Wie jedes Jahr mahnt Verbandschef Schneider (das ist der mit den dicken Kotletten) auch 2016: es sei Zeit zu handeln.

Da aber 2016 kein normales Jahr des politischen Spielebetriebs ist, sondern es seit langem mal wieder um etwas geht – um die Sicherheit der Bürger, um die Überdehnung des Sozialstaats, um das gesellschaftliche Selbstverständnis, kurzum: um die Zukunft des Landes -, ist der Armutsbericht auf merkwürdige Weise hinten runtergefallen. Die Medien nahmen ihn zur Kenntnis, berichteten mehr pflichtbewusst als euphorisiert, aber das Thema wurde ansonsten nicht durchs Mediendorf getrieben. Illner schwieg, Plasberg schwieg, Anne Will sowieso.

Wie volatil politische Überzeugungen sind, wird seit einigen Monaten mit aller Wucht deutlich. Feministinnen ist ihr Anti-Rassismus wichtiger als ihr Feminismus, Religionsverächtern ist die Rücksicht auf den Islam auf einmal höchstes Gebot, den Kämpfern für Demokratie und Meinungsfreiheit ist keine Zensurmaßnahme zu krass, solange sie sich gegen rechts wendet, und den größten Armutsschreiern kann Deutschland momentan gar nicht reich genug sein, um nicht noch ein paar Hunderttausend Bedürftiger willkommen zu heißen. Noch 2013 textete der gute Augstein Jakob in seiner SPON-Kolumne zum Anlass des Armutsberichts: „Die Schulen verfallen, die Städte verrotten, die Straßen verkommen, an den Kreuzungen klauben Menschen Pfandflaschen aus den Mülleimern. Aber man hat uns beigebracht, unseren Augen nicht mehr zu trauen und Ungerechtigkeit für Notwendigkeit zu halten und Unsinn für Vernunft.“

Und 2016? Schweigen im Walde SPON.

Nun, nicht ganz. Auch 2016 liefert SPIEGEL-Online die Gebrauchsanweisung für den Armutsbericht gleich mit. Im Gegensatz zu den Vorjahren klingt sie aber auf einmal mäßigend und sehr, sehr skeptisch. „Glaubt man dem Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, dann sieht es düster aus in Deutschland. Doch solche Schwarzmalerei ist gefährlich – gerade in Zeiten der Flüchtlingskrise“, lässt Kommentator Guido Kleinhubbert wissen, um mit folgender Warnung zu enden: „Es kann also sein, dass Blues-Sänger Schneider (das ist der mit den dicken Kotletten, Anmerkung M.V.) einige neue Fans bekommt, die er sich nicht gewünscht hat. Zum Beispiel AfD-Politiker, NPD-Wirrköpfe und Pegida-Gröhler.“

Nur schwer verwundert kann man sich die Augen reiben ob der vielen ehemaligen Wahrheiten, die jetzt für die Flüchtlinge geopfert werden müssen. Denn die größte Angst der Deutschen ist und bleibt der Rechtspopulist. Keine verfallenden Schulen, keine verrottenden Städte, keine verkommenen Straßen mehr weit und breit. Der Rechtspopulist könnte solcherart hässliche Bilder ja instrumentalisieren (was der Linkspopulist bekanntlich nie täte). Für den Kampf gegen Rechts würde jeder gutmeinende Medienschaffende die Wahrheit von gestern als Verrat von heute verkaufen.

Damit ein Thema Titelseiten- und Talkshow-tauglich ist, geht es nicht nur um die Richtigkeit der Zahlen und das hehre Anliegen, sondern vor allem darum, dass bei Redaktionskonferenzen die emotionale Membran so stark auszuschwingen vermag, dass die Teilnehmer vor Begeisterung vibrieren. Beim Armutsbericht 2016 taten sie dies nicht. Da muss niemand nachhelfen oder par ordre du mufti Anleitungen geben. Das geht ganz von allein. 2016 ist halt der Tenor: wir Deutschen sind doch reich genug für ein paar Flüchtlinge.

Ob 2017 ein besseres Jahr für die Armen wird, wenn man dem ungerechten Kapitalismus wieder für die grassierende Armut in Deutschland verantwortlich machen kann, wird man sehen. Hängt wohl von den Rechtspopulisten ab.

Ein Kommentar

  • Sehr guter Beitrag.
    ….„„ ,,,die Schulen verfallen, die Städte verrotten,….“ Kinderarmut (20% !), Altersarmut, Pflegenotstand, Bildungsabwärtsspirale, Niedriglohnjobs (‚Arm trotz Arbeit!‘)… Das alles in Deutschland.

    Aber eine Regierung mit einer Kanzlerin, die sich anscheinend für den syrischen oder irakischen chancellor hält, muss „humanitär“ für 1,2 bis 2 Millionen flüchtende, zuströmende, fremde, legale/illegale Schutz-, Asyl-, Versorgungs-, Transferleistungen Suchende jegliche bekannten Parteiprinzipien, deutsche und europäische Gesetze brechen sowie sämtliche Grenzen und Sozialkassen öffnen.
    WO war denn die HUMANITÄT dieser Führungsclique vorher, um jene o.g. Phänomene und Schandflecken in Deutschland zu bekämpfen??????

    „Glaubt man dem Armutsbericht …, dann sieht es düster aus in Deutschland. Doch solche Schwarzmalerei ist gefährlich… in Zeiten der Flüchtlingskrise“ [Spiegel] …ekelhafter Zynismus