Archive for the ‘Fliegende Briefe’ Category

Der süsse Brei der Deutschen

Haferbrei-Teller
Quelle: culli.de

Gleich ein Geständnis vorweg: ich hatte Angst. Das kommt nicht oft vor. Meist schaffe ich es, mir meine Ängste durch Reflexion oder eine gute Portion Sarkasmus vom Leib zu halten. Dieses Mal bin ich einige Monate lang damit gescheitert.

Angst, so wird allenthalben gesagt, sei ein schlechter Ratgeber. Das ist sicher richtig, auch wenn dieser Satz die letzten Monate vor allem von denen kam, die sich entweder nur in gepanzerten Limousinen und mit Bodyguards aus dem Haus wagen, oder von denen, die ihre eigene Angst vor TTIP und Kernkraftwerken als Ausweis einer höheren Moral ansehen, andere Ängste aber nicht gelten lassen.

Als vor wenigen Tagen der 30. Jahrestag des Reaktorunfalls von Tschernobyl begangen wurde, ist mir das Missverhältnis von guter Angst und böser Angst wieder ins Auge gesprungen. Der Angst vor dem „unsichtbaren Tod“ wurde in Funk und Fernsehen großer Raum eingeräumt. Dass sie eine berechtigte Angst ist, wurde dabei als selbstverständlich vorausgesetzt. Angst vor den Konsequenzen der bizarren und völlig aus dem Ruder gelaufenen Politik Angela Merkels dagegen gilt als unberechtigt, ungebildet und demokratieschädlich.

Nun gibt es schönere und freudvollere Aufgaben, als in die dunklen Verliese der eigenen Angst hinabzusteigen. In Märchen werden Ängste oft mit wilden Tieren und Drachen verbildlicht, die in dunklen Wäldern oder noch dunkleren Höhlen hausen und die der Held oder die Heldin aufsuchen und niederringen muss. Übersetzt auf unser postheroisches Zeitalter heißt es wohl: setze dich mit deinen Ängsten an einen Tisch und redet miteinander. So habe ich es also getan (man muss ja nicht gleich zusammen beten).

Zuerst erschien ein sehr diffuser Zeitgenosse an meinem Tisch. Er wirkte irgendwie aus meiner Kindheit kommend und verpackte sich selbst gerne in ein Bild, das wiederum einem Märchen entsprungen war. Er nannte sich „der süße Brei“ und in ihm geht es um einen Zaubertopf, der einem kleinen Mädchen gehört, das ihn gut beherrscht. Eines Tages ist das Mädchen aus dem Haus, und die Mutter befiehlt dem Topf zu kochen, und der Topf kocht Brei. Den zweiten Spruch jedoch, wie der Topf auch wieder aufhört zu kochen, hat sie sich nicht gemerkt, und also hört der Topf nicht wieder damit auf und kocht und kocht „und der Brei steigt über den Rand hinaus und kocht immer zu, die Küche und das ganze Haus voll, und das zweite Haus und dann die Straße, als wollts die ganze Welt satt machen, und ist die größte Noth, und kein Mensch weiß sich da zu helfen.“ Die ganze Stadt ist bereits unter Brei begraben, als das Kind nach Hause kommt und zu ihm nur „Töpfchen, steh“ sagt. Da hört es auf zu kochen.

Irgendwie geht das Märchen also gut aus, auch wenn es sicher lange Zeit benötigte, die Stadt wieder flott zu bekommen. Was mit der Read On…

Und wenn du zu lange in den Abgrund blickst…

haltsmaul

Wollte man den Zustand der Debattenkultur eines Landes anhand des Empörungsindex’ messen, Deutschland stünde momentan schlecht da. Jeder ist empört. Die SPD vom Innenminister, die CDU von der CSU, Pegida von der Lügenpresse, die AfD von der Kanzlerin, die Kanzlerin von ihrem Land und die Grünen springen mit Claudia Roth eh über jedes Empörungsstöckchen, das ihnen hingehalten wird.

Anders als bei den gesellschaftlichen Verwerfungen um die Agenda2010 oder dem Verpulvern von Milliardensummen bei der „Euro-Rettung“ ist der Empörungsindex bei der Asylbewerberkrise kurz vor der Höchstmarke. Hier geht es um was und man kann davon ausgehen, dass, steigt der Empörungspegel in diese Höhen, der Kern des Problems vor lauter Eifer aus den Augen gerät.

Im derzeitigen Irrsinn von Willkommenskultur, Kontrollverlust und Selbstauflösung bewegen wir uns auf einen Kern des eigenen Selbstverständnisses zu, der die Geister in Gläubige und Ungläubige, in Erlöser und Sünder scheidet. Es ist der Nazikompensationskomplex der Deutschen.
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Der Sieg der Erweckung über die Politik

merkelherz

Prediger glauben an die gute Sache. Wenn es um Gott und die Moral geht, sind Fakten herzlich egal. Dass Offenbarung und Weltenende in der christlichen Terminologie in eins verschmelzen, ist bereist ein Hinweis darauf, wie nah Erkenntnis und Wahnsinn liegen.

Nun haben wir Deutschen also nach dem Bundespräsidenten, der im vorangegangenen Leben Pastor war, eine Physikerin, die in ihrer Funktion als Bundeskanzlerin zur Predigerin mutiert. Ihr freundliches Gesicht, ihre Käßmannsche Frömmigkeit, ihre die Vulva nachbildende Handhaltung und ihre bar jeder Fakten wie ein Mantra vorgetragene Überzeugung, dass geschlossene Grenzen keine Probleme lösen, scheinen dem Politikverständnis der meisten Deutschen zu entsprechen, zumindest wenn man den Meldungen der Medien Glauben schenken darf.

„Die Kanzlerin der Herzen“ heißt es da (FAZ). Oder „Merkels ehrlichste Regierungserklärung“ (SPON). Und im Bieterwettstreit um die wärmste und schönste Überschrift titelt die Süddeutsche „Ich habe aus meinem Herzen gesprochen“. Ja herrjeh, hat man je Weltpolitik Read On…

Die deutsche Wiedervereinigung und die „Flüchtlingskrise“ – wenn es hinkt, muss es ein Vergleich sein

gruenwelcome

Fünfundzwanzig Jahre ist die Deutsche Einheit nun her und was bei den soeben zu Ende gegangenen Feierlichkeiten am meisten auffiel, war das neue Narrativ, das die Politiker zur Erbauung des Volkes anzuwenden versuchen. Zusammengefasst lautet es: die Wiedervereinigung war toll, wir haben es geschafft, nun wartet aber eine noch größere Aufgabe auf uns, nämlich die Bewältigung der Flüchtlingskrise, jetzt muss zusammenwachsen, was nicht zusammen gehört.

Muss es das wirklich?

Bisher war Asyl eine zeitlich begrenzte Sicherheitsoption für Verfolgte. Deutschland scheint die „Flüchtlinge“ aber förmlich herbeizusehnen und aufsaugen zu wollen. Dazu passt, dass das, was Politik und Medien „Flüchtlingskrise“ nennen, mindestens genauso eine Demokratiekrise ist.

Den Begriff Flüchtling mit Krise zu verbinden, erscheint wie ein Pleonasmus. Natürlich entspringt jeder Flüchtling einer krisenhaften Read On…

Warmlaufen für den Friedensnobelpreis

spon

Tief eingebrannt in die deutsche DNA ist bekanntlich der Hang, unbedingt die Welt retten zu müssen. Der Begriff „Realpolitik“ ist ähnlich wie Kindergarden und Blitzkrieg eingegangen in den internationalen Wortschatz. Für die meisten anderen Nationen ist Politik nichts anderes als ausschließlich Realpolitik. Nur wir Deutschen unterscheiden zwischen Realpolitik und… ja, und was eigentlich? Idealpolitik? Moralpolitik? Wertepolitik?

Realpolitik umweht der Geist des Uneigentlichen, zu dem sich die deutsche Seele immer erst zwingen muss, liegt ihr das Eigentliche doch viel näher.

Die Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in den letzten Wochen gezeigt, wie diese andere Form der Politik, die sich eben von Realpolitik Read On…

Von Wutbürgern und Trotzbürgern

Der Begriff Wutbürger tauchte auf, als eine merkwürdige Melange aus Linken, Grünen und Bürgerlichen gegen Stuttgart21 auf die Straße ging. Seitdem umgibt den Wutbürger der Nimbus des demokratietauglichen Aufbegehrers, der aus der Mitte der Gesellschaft kommt. Es schwingt Respekt vor dem Mutigen bis Verwegenen mit.

Diese Attribute werden den Pegida-Demonstranten abgesprochen. Wird in ihrem Zusammenhang der Wutbürger angerufen, so kommt der Ruf nicht ohne verunglimpfende Beiwörter aus. „Wutbürger planlos“ heißt es dann oder „Wutbürger zwischen Mob und Mitte“. Nirgends fehlt der Hinweis, dass es bei Pegida dumpfe Ängste sind, die die Menschen auf die Straße treibt.

Bisher sind Massendemonstrationen, die nicht auf dumpfen Ängsten beruhten, unbekannt. Ob es gegen den Nato-Doppelbeschluss, gegen Atomkraft oder gegen Read On…

Hiermit trete ich aus der Kultur aus!

In Deutschland scheint der Begriff „Kulturschaffender“ eine Berufsbezeichnung zu sein. Oder zumindest eine Auszeichnung. Anders ist nicht zu verstehen, dass mehr als 500 jenseits der Wertschöpfung stehende Menschen einen „Offenen Brief Kulturschaffender in Deutschland zum Krieg in Gaza“ unterzeichnet haben, der sich an die Mitglieder des Deutschen Bundestages wendet und die „Kriegsverbrechen“ Israels anprangert. Übrigens nicht nur Kriegsverbrechen, sondern „schwerste Kriegsverbrechen“.

Der Text des Briefes ist so vorhersehbar, wie die Unterzeichner unwichtig sind. Ein Dieter Dehm (MdB/Die Linke), der scheinbar gerne Briefe an sich selbst schreibt, und eine Nina Hagen, deren beste Zeit fast drei Jahrzehnte zurückliegt, ragen wie Leuchttürme der Bekanntheit aus der Masse dieser „Kulturschaffenden“ heraus. „Kulturschaffender“ ist man wohl, wenn es zum Künstler nicht (mehr) reicht. Read On…

Heute etwas Fiktionales: Brief an einen geliebten Menschen

Als Vater zweier adoleszierender Kinder mache ich mir seit letzter Woche Gedanken, wie es wohl wäre, wenn meine 21jährige Tochter mir mitgeteilt hätte, sie wäre auf eine dieser Anti-Israel-Demonstrationen gegangen, „um ihre Solidarität mit den Palästinensern und ihren Widerstand gegen den Krieg“ zum Ausdruck zu bringen. Was würde ich ihr schreiben können?

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Meine liebe J.,

Du hast sicher schon am Telefon gemerkt, dass ich ziemlich erschüttert war von dem Umstand, dass Du an einer judenfeindlichen Demonstration teilgenommen hast. Ich könnte jetzt viele standardisierte Sätze loswerden, die ich gelernt habe, um Generationenkonflikte zu entschärfen: wie sehr ich Dein Gerechtigkeitsempfinden respektiere und wie toll ich Dein Engagement finde. Aber sie wären alles andere als ehrlich. Denn trotz meiner Liebe zu Dir überwiegt die Fassungslosigkeit über so viel Geschichtsvergessenheit.

Du im Gegenzug hast mir vorgeworfen, ich würde blind zu Israel stehen und nicht sehen, dass Israel Kriegsverbrechen begeht. Zu den Kriegsverbrechen möchte ich nicht Stellung nehmen und hoffe inständig, dass dir dieser Begriff im Eifer des Streits herausgerutscht ist. Mit dem Vorwurf der Kriegsverbrechen bist du bereits mittendrin in dem, was ich die Kriminalisierung des Staates Israel nenne. Früher hieß es Blutsauger und Parasit, heute heißt es Verbrecher und Kindermörder. Und immer unterjochen sich die Juden fremde Völker. Vielleicht siehst Du daran, wie sehr die Ressentiments von heute denen von früher ähneln.

Ich stehe an Israels Seite. Aber ist das schon blind? Israel steht für Werte, hinter denen ich auch stehe: Demokratie, Gleichberechtigung, Fortschritt und Prosperität. Sag Du mir bitte, warum ich an der Seite von Fanatikern stehen sollte, die das Recht auf Individualität mit Füßen treten und denen das Himmelreich wichtiger ist als dieses wunderbare Leben auf dieser Erde. Gerade Du, die sich immer das Recht auf ihren eigenen Weg herausgenommen hat, müsstest doch einsehen, dass Du in den islamistischen Ländern weder Deine zerrissenen Jeans noch die Piercings tragen dürftest. Von Rauchen, Tanzen und Trinken ganz zu schweigen. Was ist daran erstrebenswert? Read On…

Grüne Legenden: Kein Schrittbreit den Faschisten

Die Frage, wo Israelkritik aufhört und Antisemitismus beginnt, ist in den letzten Tagen europaweit sehr anschaulich beantwortet worden. In vielen europäischen Metropolen gab es heftige antisemitische Ausschreitungen. Der Hass, der sich inzwischen auch wieder physisch gegen Juden entlädt, sie ins Gas wünscht oder als „angebliche Opfer“ des Holocaust verhöhnt, markiert einen Umschlagpunkt in der Geschichte des europäischen Antisemitismus.

Wenn das zivilisierte Europa je den Antisemitismus überwunden hätte (wovon nicht auszugehen ist), könnte man meinen, über die Hintertür des Zuzugs islamischer Einwanderer wäre er wieder zu uns zurückgekehrt.

Dabei scheint es niemanden aufzuregen, wenn Moslems sich untereinander massakrieren. Weit und breit keine Demonstrationen gegen Boko Haram, ISIS oder den Schlächter von Damaskus. Aber wehe, Israel beginnt sich gegen die ständigen Übergriffe der Hamas Read On…

Endlich: er ist wieder da

Fast pünktlich zu Führers Geburtstag schloss Georg Diez auf Spiegel-Online den Reigen an Rezensionen zu Akif Pirinçcis neuem Buch „Deutschland von Sinnen“ ab. Fast 70 Jahre musste das deutsche Feuilleton auf die Auferstehung eines neuen Führers warten. Jetzt ist er wieder da und der Kulturbetrieb hat es statt mit einem Österreicher mit einem eingedeutschten Türken zu tun. Heureka!

Man muss sich den deutschen Kulturbetrieb wie ein schönes, glitzerndes Schiff vorstellen, das sich die Damen und Herren (vornehmlich Herren) in mühevoller Kleinarbeit und einem funktionierenden Preise- und Förderbetrieb aufgebaut haben. Leider, und diesen Verdacht können selbst die Damen und Herren des Kulturbetriebs nie ganz loswerden, ist dieses schöne, glitzernde Schiff für die Unbilden des Seegangs völlig ungeeignet. Aber dieses Schiff soll ja auch gar nicht auf große Fahrt gehen. Das wäre zu profan. Das Schiff soll nur am Rand der Hafenmole sicher vertäut vor sich hinschaukeln, den Blick aufs Meer freihalten und denen, die ihren Lebensunterhalt auf dem Meer verdienen, mit letzter Tinte gute Ratschläge erteilen. Und dann kommt da jemand, baut aus wahllos gefundenem Schrott einen echten Kahn, der weder glitzert noch sehr schön anzuschauen ist, aber er sticht in See und siehe da, das Schiff nimmt Fahrt auf und die Bugwelle erreicht die Hafenmole. Read On…

Der kleine Akif riesengroß

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Die meisten kennen ihn als Romanautor mit Millionenauflage, dessen Bücher erfolgreich und teilweise mit internationaler Besetzung verfilmt wurden. Irgendwann in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts schuf er das Genre des „Katzenkrimis“ und wurde damit weltberühmt. Andere – wie ich – lernten ihn durch einen provokanten Artikel kennen, der auf der Achse des Guten erschien und den Titel „Das Schlachten hat begonnen“ trug. Darin nahm der den Mord an einem jungen Mann in Kirchweyhe zum Anlass, um darüber zu fabulieren, dass die Deutschen die eigene Auslöschung durch Mord an ihren jungen Männern nicht zur Kenntnis nehmen wollten. Dieser Text schlug hohe Wellen und brachte „dem kleinen Akif“, wie er sich fortan kokett auf seiner Facebook-Seite nannte, allerlei Vorwürfe ein. In Akif Pirinçcis neuem Buch „Deutschland von Sinnen“ ist dieser Text ebenfalls abgedruckt.

Ich erinnere mich noch daran, wie ich selbst auf diesen Text reagierte. Mit Erschrecken. Die Sprache war wütend, die Worte waren hart und die Anklage war verdammend.  Ich verstand nicht, dass Akif Pirinçci Schriftsteller und Fabelerzähler ist und deswegen in einer phantastischen Zukunft leben muss, die es – hoffentlich – nie geben wird. Es brauchte einige Zeit und einige Beschäftigung mit Pirinçci, bis ich mich an seine Schreibe gewöhnt hatte. Dann erkannte ich, dass neben seinen apokalyptischen Vorstellungen, die das Phantasierecht des Schriftstellers sind, und seinem derben Schmäh, der ganz und gar nicht österreichisch daherkommt und bereits nach kurzer Zeit zu seinem Markenzeichen wurde, ein feines und sehr ernstes Pathos mitschwingt, das berührend ist und verletzlich wirkt. Es ist dieses Pathos, das auch sein neues Buch nie in eine Hassschrift abgleiten lässt, sondern noch dem derbsten Schmäh den Funken einer unglücklichen Liebe hineingeheimnist. Read On…

Zeig mir dein Klo und ich sage dir, wer du bist

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Kürzlich hat die Evangelische Kirche eine Forderung der Grünen übernommen, öffentliche Toiletten zu gender-mainstreamen, was nichts anderes bedeuten soll, als die Bezeichnung für Männlein und Weiblein an den Toilettentüren abzuschaffen, auf dass alle ein gemeinsames Klo besuchen sollen. Von wegen Vielfalt und Antidiskriminierung und so.

Nun kann man sich fragen, was eine Kirche auf den Scheißhäusern dieses Landes verloren hat, sollte dabei aber im Hinterkopf behalten, dass das Programm des Gender-Mainstreaming offiziell als Europäische Richtlinie von der EU verabschiedet wurde und ergo alle Nationalregierungen und ihre staatlich subventionierten Interessensverbände dazu aufgerufen sind, die Richtlinien in die Tat umzusetzen. Dass sich die evangelische Kirche wiederum besonders herzhaft mit dem Thema befasst, liegt offensichtlich daran, dass der mehrmalige tägliche Klogang zu einer religiösen Befreiungstat umgedeutet werden soll.

So wie sich der Moslem fünfmal am Tag gen Mekka verneigt, soll der Protestant fünfmal am Tag das Wasserlassen mit einem religiösen Bekenntnis zu mehr Toleranz und Antidiskriminierung verbinden. Auch eine Art religiöses Ritual, dem man anhängen mag.

Mich persönlich erinnert die Videobotschaft der Evangelen an eine der legendärsten Discotheken meiner Adoleszenz in New York. Ich erinnere mich noch sehr gut an einen Klogang im berühmten Limelight (Foto), das vormals eine Kirche gewesen war und im New York der 80er Jahre zu einem Tanztempel umfunktioniert wurde, wo ebenfalls die korrekte Zuordnungsbeschilderung abgeschafft worden war und man, egal durch welche der beiden Türen man hindurchschritt, in einen großen Raum kam, in dem sich Frauen, Männer, Transvestiten, Transsexuelle und was es sonst noch in der New Yorker Nachtwelt so geben mochte, prächtig amüsierten. Meist stand ein Fotograf mit einem Papagei an einer der Toilettenwände und lichtete die Partywütenden auf Wunsch gegen eine Gebühr von 5 Dollar auf Polaroid ab. Über den Rest des Geschehens decke ich aus Jugendschutz den Mantel des Schweigens. Read On…

„Die Farbe der Freiheit ist Grün“

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Mitte Januar diesen Jahres verabschiedeten die Grünen ihre „Weimarer Erklärung“, in der sie davon träumten, „als einzige Kraft für Liberalismus“ in Deutschland zu gelten. Dort hieß es: „Angesichts der großkoalitionären Sicherheitsdoktrin und bedrohter Privatsphäre wollen wir diese Rolle lautstark wahrnehmen.“ Und auf den Punkt gebracht: „Die Farbe der Freiheit ist Grün.“

Hehre Worte, die so gar nicht zu dem grünen Spießer-Biedermeier passen wollen, das in Deutschland so beliebt ist und sich in allerlei Verbotswünschen und Kontrollsehnsüchten äußert. Marketing-Sprech halt, um den erklärten Wunsch der Grünen-Granden, das geschäftsschädigende Verbots-Image ihrer Partei aufzuweichen, subtil unters Volk zu bringen. Der Trick ging auf. Der von irgendeiner gut bezahlten Agentur erdachte Slogan „Die Farbe der Freiheit ist Grün“ schaffte es zuhauf als Überschrift in die deutschen Gazetten.

Soviel zur Trennung von Redaktion und werblicher Anzeige, auf die sich die seriöse Presse so viel einbildet.

Freiheit entscheidet sich bekanntlich an der Freiheit des Andersdenkenden. Ich zum Beispiel denke, dass die Mülltrennung ausgewiesener Quark ist. Sie nervt in der täglichen Routine und dient Read On…

Fukushima – der innere Reichsparteitag der grünen Seelen

Gestern vor 3 Jahren erreichte eine verheerende Flutwelle, die durch ein Seebeben ausgelöst wurde, die japanische Hauptinsel und riss mehr als 17.000 Menschen in den Tod. Der Tsunami vor Japans Küste ist eine der größten und verheerendsten Katastrophen, die die Welt je gesehen hat. Noch immer (Ende 2013) werden Tausende Opfer vermisst. Fast 400.000 Gebäude wurden dem Erdboden gleich gemacht, ganze Städte ausradiert und mitsamt ihren Menschen ins Meer gespült. Der volkswirtschaftliche Schaden für Japan war und ist enorm. Ein kleiner Rückblick auf die Katastrophe und dieses bewundernswerte Land scheint mehr als angebracht.

Es ist ganz sicher nicht übertrieben, im Zusammenhang mit dem Tsunami von einer Katastrophe epochalen Ausmaßes zu sprechen und man sollte meinen, dass Mitgefühl und Hilfsbereitschaft die erste und natürliche Reaktion eines jeden Menschen sein würden. Aber nicht in Deutschland. Bei uns wurde der Tsunami fast ausschließlich auf den Begriff „Fukushima“ verengt und für die hehrsten Öko-Zwecke instrumentalisiert. Read On…

Linkes Grün und rechtes Grün

Die Debatte um die „Dresdner Rede“ von Sibylle Lewitscharoff fördert eine bekannte Dramaturgie hervor. Zuerst hält eine anerkannte Person des Geisteslebens eine Rede, in der so viel Schmarrn steht, dass man mit der intelligiblen Aufarbeitung gar nicht nachkommt. Dann tröten die Moralisten in ein noch bekannteres Horn und verdammen, was das Zeug hält. Kaum ist das geschehen, rudert die geredet Habende zurück und entschuldigt sich. Daraufhin schalten sich die Intelligenteren der Medienmaschine ein und verurteilen die Verdammnis als moralinsauer und als die freie Meinungsäußerung gefährdend.

So weit, so bekannt.

Die Debatte um Sibylle Lewitscharoff führt uns ein in das Universum einer gut geölten Medienmaschinerie. Und spätestens, wenn sich Medieneigentümlichkeiten frei entfalten, trifft der Satz von Marshall MacLuhan zu: „The medium is the message“. Daraus gibt es kein Entrinnen. Starke Emotionen, unpassende historische Vergleiche und hysterische Aufschreie fördern die Frontenbildung und ergo den Verkauf an die Meinungsgleichen und die Aufregung der Meinungsanderen. Davon leben die Medien, das brauchen sie. Das Hamsterrad dreht sich.

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Von der Macht sozialer Konstrukte

Eine in Deutschland regelmäßig zu Bestsellern führende Buchkategorie lautet „Erlebnisse von Zivilisationsmüden“. Hape Kerkelings „Ich bin dann man weg“ ist sicher das prominenteste Beispiel dafür. Aber auch weniger im Rampenlicht Stehende, die darüber berichten, wie sie sich von der Zivilisation abwenden, in den Wald gehen und sich dort jahrelang von Käfern und Fröschen ernähren, erzielen hohe Auflagen und natürlich ein gesteigertes Interesse der ebenfalls zivilisationsmüden Medienmeute.

Noch gut erinnere ich mich an einen Spiegel-Beitrag in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, der von Hochachtung nur so triefte und einen – in meinen pubertierenden Augen – vollkommenen Spinner porträtierte, der mit seinem Schäferhund jahrelang durch Deutschland marschiert war und sich u.a. von den Resten überfahrener Tiere, die er von der Straße abkratzen musste, ernährt hatte. Die letzte Woche Read On…

Von der Abschaffung der Biologie

Die Truman Show ist eine bitterböse Hollywood-Satire von 1998, in der der Protagonist Truman Burbank (gespielt von Jim Carrey) hinter die große Lüge seines eigenen Lebens kommt. In Wahrheit lebt er nämlich kein selbstbestimmtes Leben, sondern spielt nur die Hauptrolle in einer Fernsehserie, die sich zum Ziel gesetzt hat, das Leben eines Menschen von Geburt an zu dokumentieren und 24 Stunden täglich live im Fernsehen zu präsentieren. Seine vermeintlichen Freunde, seine Eltern, seine Frau, sein Arbeitsplatz, ja die gesamte Stadt – alles wurde ausschließlich dafür erschaffen, ihm ein normales Leben vorzugaukeln. Als Truman Burbank schließlich hinter den Schwindel kommt, entscheidet er sich, die künstliche Welt unter Schmerzen und gegen die Widerstände des Filmproduzenten zu verlassen. Bevor er hinter den großen Vorhang, der die Grenze seiner bisherigen Welt war, geht, zitiert er den Spruch, den er bei jeder Begrüßung im Film sagt: „Guten Morgen… Oh, und falls wir uns nicht mehr sehen sollten, guten Tag, guten Abend und gute Nacht!“ Read On…

Wo Natur auf einmal nicht mehr sein darf

Wir kennen die Grünen als Partei, die sich den Schutz der Natur, die Bewahrung der Schöpfung und den Frieden auf Erden auf die Fahnen geschrieben hat. Zwar zeigt der USP der Grünen bereits deutlich religiöse Züge, aber natürlich darf jede Erweckungsbewegung in Deutschland predigen, was sie will. Die meisten dieser Bewegungen haben übrigens die Bibel oder den Koran in der einen Hand, wenn sie mit der anderen den moralischen Zeigefinger heben. Diesen altmodischen Fehler begehen die Grünen nicht.

Die Grünen trennen sehr genau zwischen der göttlichen Schöpfung, die sie Natur nennen, und dem sündhaften Menschen, dem jede Gottähnlichkeit abzugehen droht. Die unschuldig-jungfräuliche weil unberührte Natur ist unbedingt zu bewahren und es gibt nichts Read On…

Distanzlosigkeit als politisches Prinzip

Bettina Röhl hat in einem ganz ausgezeichneten Artikel auf die K-Gruppen-Vergangenheit von Winfried Kretschmann hingewiesen und eine direkte Linie zu den von oben oktroyierten grünen Umerziehungsmaßnahmen gezogen, die in den letzten Wochen vor allem in Form des baden-württembergischen Bildungsplans zur sexuellen Vielfalt einige Wogen geschlagen haben.

Nun könnte man zu dem Eindruck gelangen, dieser völlig unausgereifte und präpotente Bildungsplan wäre auf die Schrulligkeiten des langsam in die Jahre gekommenen ehemaligen K-Gruppen-Aktivisten Kretschmann zurückzuführen. Dass dem nicht so ist, sondern dahinter ein in grünen Schichten weit verbreitetes Menschenbild steht, versuche ich im folgenden darzulegen. Read On…

Die Heuschrecken der Nachhaltigkeit – Die Welt ist Maya

In der Reihe „Deutschlands Grüne Seelen“ heute: Maja Göpel.

Ich schicke vorweg, dass ich mich einer gewissen Sympathie für die hübsche Maja Göpel nicht entziehen kann. Sie ist wirklich süß, wirkt so höflich-engagiert, ist nett anzuschauen und erinnert mich daran, wie man redet und diskutiert, wenn man in die Pubertät kommt. Maja Göpel auf arte ist gut gemeintes Kinderfernsehen für Erwachsene, die noch nie schmutzige Gedanken hatten. Read On…

Die Heuschrecken der Nachhaltigkeit

Schon länger beschäftigt mich der Gedanke, dass die große Transformation, zu der die grünen Seelen angetreten sind, nur unter Zuhilfenahme supranationaler Strukturen gelingen kann, die die molochartigen Strukturen der EU noch um Längen übertreffen werden müssen.

Das Wesen supranationaler Strukturen besteht ja in der Tatsache, dass demokratisch gewachsene Strukturen der Nationalstaaten um neu geschaffene, meist mit geringerer demokratischer Legitimation belegte übernationale Strukturen erweitert und rechtliche Zuständigkeiten an diese supranationalen Strukturen abgegeben werden.

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Mittelaltersehnsucht

Nationen benötigen bekanntermaßen Identifikationsflächen, um Selbstbewusstsein ausbilden zu können. Manchmal sind es Gründungsmythen, manchmal ganze Zeiträume. Für die deutsche Seele liegt die letzte sehnsüchtig erinnerte heile deutsche Welt zeitlich vor der Entdeckung Amerikas im Mittelalter. Der Erfolg von Schmonzetten wie der Wanderhure oder der Pilgerin lässt deutlich werden, dass das Mittelalter eine Sehnsuchtsmarix für Reinheit und Authentizität ist. Es vergeht kein Wochenende, an dem sich nicht an unzähligen Stellen der Bundesrepublik private Vereine und Gruppen zu pseudo-mittelalterlichen Spektakeln versammeln. Und will ein Bürgermeister in Deutschland sein Dorf- oder Stadtfest zum Erfolg führen, so muss er nur das Mittelalter mit Markt, Ritterspielen und Gauklern heraufbeschwören. Denn im Mittelalter war alles besser, weil alles so natürlich war und der Zusammenhalt zwischen den Menschen noch stimmte.

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Grün – ein deutsches Phänomen

Eines der Rätsel in Bezug auf die Grünen ist die Tatsache, dass die Grünen ein schwer deutsches Phänomen sind. Kein anderes Industrieland auf dieser Erde leistet sich den Luxus der Ökopaxe mit einer derartigen Inbrunst wie wir Deutschen.

Aber warum wir Deutschen?

Natürlich ist diese Frage nicht monokausal zu beantworten („weil wir Idioten sind“), sondern benötigt eine bestimmte Sensibilität, um sich in die Gefühlslage der Deutschen hineinzuversetzen.

Da ist zum einen der unbändige Wunsch, aus der Mitte Europas heraus Einfluss zu nehmen (und oftmals auch zu herrschen) verbunden mit der Tatsache, dass Deutschland allein schon aus seiner geografischen Read On…

Die Grüne Seele

Da dies kein Partei-Blog werden soll, muss ich zu allererst den Begriff „grün“ von der Partei der Grünen loslösen. Zudem geht es um Weltbilder, Weltanschauungen und ausgeprägte innere Gestimmtheiten (bis hin zu Verhaltensorigininalitäten), sodass ich das Phänomen „grün“ individualisieren möchte.

In den letzten Monaten hat sich in journalistischen Kreisen der Begriff der „Generation G“ etabliert, wobei G hier für Greenpeace, Gender und Gerechtigkeit steht. Etwas ironischer ist schon der Begriff des Bionade-Biedermeier, der von Henning Sussebach 2007 für die urbane Szene des Prenzlauer Berg geprägt wurde.  Für das Massenphänomen der Vergrünung des Zeitgeistes sind das zwei passende Beschreibungen. Für den einzelnen Menschen erlaube ich mir jedoch, den Begriff der „grünen Seele“ zu prägen. Read On…