Des Teufels Küche: Die Feinde des offenen Genusses

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Kulinarischer Genuss in Deutschland ist ein Minenfeld. Für die einen ist er ein überflüssiger und überteuerter Luxus, solange das Essen reichlich, billig und schmackhaft ist. Für die anderen ist Genuss ein verwerflicher Habitus, da er sich der gesellschaftlichen Verantwortung entzieht und ohne die Unterwerfung unter den  Spinatökologismus meint auskommen zu können. Es ist schon merkwürdig: sinnliche Verfeinerung und habituelle Gelassenheit haben im Land der Goetheschen Poesie und der Schubertschen Lieder einen schlechten Ruf.

Dass man, wenn man in Deutschland genießt, sich sprachlich bereits auf dem Weg in die Drogenberatung befindet, liegt an jenem, nur im Deutschen existierenden Begriff des „Genussmittels“. Er wird für Lebensmittel verwendet, die nicht aus Gründen des Nährwerts oder der Sättigung konsumiert werden, sondern ihrer anregenden Wirkung wegen: Kaffee, Tee, Kakao, Tabak und Alkohol. Allein psychotrope Substanzen scheinen im Deutschen eine Vorstellung von Genuss auszulösen, alles andere ist dann eine „Sättigungsbeilage“. Nie hat Sprache mehr den Volkscharakter offenbart, als in diesen beiden Begriffen.

Im europäischen Vergleich sind die Konsumausgaben in Deutschland für Essen und Trinken am unteren Ende der Skala. Während jeder deutsche Haushalt fast ein Viertel (ca. 24 Prozent) seiner Ausgaben fürs behagliche Wohnen ausgibt, bleiben für die leiblichen Genüsse nur etwas mehr als 9% übrig. In Frankreich liegen die Ausgaben bei fast 12 Prozent, in Italien und Spanien bei unglaublichen 14 Prozent. Die Bezeichnung als „Krauts“ haben sich die Deutschen also redlich verdient (auch wenn gerade die Briten noch weniger für Essen und Trinken ausgeben).

Verleugnung des Eigenen schadet dem Genuss

Dabei wäre es unfair, dem Land der Diplom-Ingenieure und Automobilbauer die Fähigkeit zum Genuss generell abzusprechen. Selbst der französische Restaurantführer „Guide Michelin“ bescheinigt Deutschland – nach Frankreich – die höchste Dichte an Drei-Sterne-Restaurants. Was dennoch auffällt an der deutschen Sterneküche: die wenigsten Spitzenköche kochen deutsch. Ziel ist und bleibt es, die französische Küche modern, klassisch oder eingedeutscht zu interpretieren, von wenigen italienischen oder spanischen Ausnahmen abgesehen. Nach einigen Besuchen in deutschen Drei-Sterne-Tempeln könnte man fast versucht sein anzunehmen, es gäbe überhaupt keine eigene deutsche Küche – oder zumindest ist der deutschen Spitzenköche Selbstbewusstsein so gering, dass landeseigene Rezepte auf höchstem Niveau neu zu interpretieren sich nicht zu lohnen scheint.

Verleugnung des Eigenen schadet dem Genuss, denn sie erzeugt Unruhe, wo das friedliche Annehmen Not täte. Genauso aber schaden die Panikattacken des politisch Korrekten und das ständige Schielen auf das moralisch Richtige der inneren Ruhe. Gelassenheit entspringt dem Bewusstsein, dass man als Mensch stets hinter seinen eigenen ethischen Idealen zurückbleibt, egal mit welchem Furor man sie vertritt.

Nikotin ist tödlich, Alkohol schädlich, Fleisch karzinogen und zudem noch verheerend für den CO2-Abdruck des Menschen, und Obst und Gemüse müssen bio und aus regionaler Produktion sein, um ein gutes Gewissen zu erzeugen. Wer so durch die Welt läuft, verspürt einen ständigen Tyrannen im Nacken, den er erst durch ayurvedischen Veganismus ruhig gestellt bekommt. Da schließt sich der Kreis zur Verleugnung des Eigenen wieder.

Deutschland ist das Land in Europas Mitte, dem am meisten die Mitte fehlt. Manche haben es auch das Land mit Ich-Schwäche genannt. Nach Sigmund Freud oszilliert der Mensch ständig zwischen seinem Es, seinem Ich und seinem Über-ich, wobei letzteres das rigide System der letzten Wahrheiten und ersteres das triebgesteuerte Lustprinzip umfasst. Irgendwo dazwischen, zwischen lutherischer Völlerei und moralischem Terror ereignet sich der Genuss. Er findet immer nur im Hier und Jetzt statt und verfliegt so schnell, wie er gekommen ist. Er benötigt all die Qualitäten, die das Ich auszeichnen: Aufmerksamkeit, Offenheit, Einfühlungsvermögen, Muße, Realitätssinn und Gegenwärtigkeit. Würde man an Gott glauben, so könnte man im Genuss mit den Sinnen die Herrlichkeit von Gottes Werken erleben.

Wenn man sich nichts mehr gönnt, muss man sich auch vor nichts mehr fürchten

Dabei ist es kein Zufall, dass es Mönche waren, die unserer heutigen Genusskultur den Weg ebneten. Sie waren es, die im Burgund über Generationen die hervorragendsten Weinlagen klassifizierten; es waren Mönche, die den geregelten Braubetrieb für Bier einführten; und dem Mythos nach war es ein Mönch, der den ersten Champagner produzierte. Die Lockerung des Leibes durch Alkohol wird ganz sicher dem Erleben des Göttlichen nicht abträglich gewesen sein. Heute darf man ja schon froh sein, mit etwas Alkohol das ökonomische und ideologische Höher, Schneller, Weiter etwas abdämpfen zu können.

Ein kühler Sherry mit einigen Oliven, um ins Gespräch zu kommen, ein Glas Champagner, um den Magen anzuregen, ein Riesling, der die Vorspeise begleitet, vielleicht ein Burgunder zur gebratenen Taubenbrust, etwas in Würde Gereiftes zum Rind und eine Beerenauslese oder ein Portwein zum Dessert, dem dann durchaus etwas Nikotin in Form einer Zigarette oder Zigarre folgen darf. Sieht man diese klassische Genussfolge unter modernen – also ärztlichen und moralischen – Gesichtspunkten, kann man das tyrannische Über-Ich gleich wieder zetern hören: wehe, ich sage euch, das Ende ist nah, kehret um und tuet Buße! Denn erst wenn man sich nichts mehr gönnt, muss man sich auch vor nichts mehr fürchten. Religiöse Askese kommt heute im Kleid restloser Aufgeklärtheit.

Genuss aber weist die Verlockungen und Versprechungen des Seelen- und Körperheils von sich. Er ist die schönste Form der Notwehr gegen alle Institutionen, die meinen, es besser für einen zu wissen als man selbst. Dafür lohnt sich zu kämpfen.

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