Des Teufels Küche: Du bist, was du isst

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Vor wenigen Tagen predigte meine köchelnde Lieblingsmoralistin Sarah Wiener auf dem Fuldaer Wirtschaftstag: „Du bist, was Du isst: Gesunde Ernährung – gesunde Mitarbeiter“. Essen also im Dienste der ökonomischen Ressourcenmaximierung des Humankapitals – wenn einem so viel Gutes widerfährt, das ist schon einen Asbach Uralt wert!

Von jeher sollte Essen für das Volk mehr sein als nur simple Sättigung. Jedes religiöse Speisegesetz dient ja nicht dem Sattwerden der Gläubigen, sondern im Gegenteil dem komplizierteren Sattwerden zur Glaubensmaximierung und eigenen Erhöhung. Und auch daran, dass die tonangebende Elite den Menschen ständig ins Essen reinpfuschen will, hat sich bis heute nichts geändert. Dann ist es eben nicht mehr Gott, dem man im Essen huldigt, sondern dem Unternehmen, bei dem man tätig sein darf.

Und dann ist da noch dieser Satz, der nur im Deutschen so richtig funktioniert und über den ich gefühlt dreimal täglich stolpern muss: „Du bist, was Du isst“ – es ist der kategorische Imperativ der gesunden Küche und man ist allzu leicht geneigt, ihn zustimmend abzunicken. Nur: der Satz ist schlicht falsch. Nimmt man ihn wörtlich, wird seine Absurdität sofort deutlich. Fleischkonsum führt nicht zwingend zu Hornochsen und Vegetarismus allein macht noch keine Hohlbirnen. Die Metamorphose des Essens, die es beim Lauf durch den menschlichen Körper durchmacht, führt ja gerade dazu, dass Du am Ende eben nicht bist, was Du isst. Also muss der Satz irgendwie im übertragenen Sinne gemeint sein.

Aus dem Satz „Du bist, was Du isst“ flüstert etwas Moralisches, ja fast Metaphysisches

„Gesund Du bist, wenn gesund Du isst“ wäre beispielsweise eine hübsche Abwandlung. Dabei spricht jede Lebenserfahrung auch dagegen. Gerade die Gesündesten unter uns, die Kinder und Jugendlichen, haben eine auffällige Vorliebe für alles, was gemeinhin als ungesund gilt. In der Gier nach Leben scheint das gesunde Essen nicht eingepreist zu sein.

Auffällig ist, dass die meisten Menschen erst beginnen, sich gesund zu ernähren, wenn die Gier nach Leben nachgelassen oder irgendein Gebrechen sie bereits ereilt hat – also das gesunde Essen eher das Leiden lindern helfen soll. Beliebt ist auch die Variante, bei der das gesunde Essen so lautstark und penetrant gepredigt wird, dass es schon wieder an ein psychotisches Problem erinnert. Und dann ist die Frage erlaubt, was gesünder ist: penibel auf die scheinbar gesunde Ernährung zu achten und zu einem Nervenbündel zu mutieren – oder es ab und an mal so richtig genussvoll krachen zu lassen und dabei beschwingt und heiter zu bleiben?

Aus dem Satz „Du bist, was Du isst“ flüstert dennoch etwas Tiefschürfendes, Moralisches, ja fast Metaphysisches. Nicht das Bewusstsein – das Essen bestimmt unser Sein. Isst man etwas Schlechtes, so sollte man sich schämen. Isst man etwas Gutes, so darf man sich eben genau so fühlen. Das biologisch-dynamisch angebaute Gemüse aus der Region ist gut, ergo der Esser ein Guter. Das tote Tier, das auf dem Teller landet, verwandelt den Esser flugs in einen Mörder. Wenn es denn so einfach wäre.

Vegetarier und Veganer genießen momentan einen ausgezeichneten Ruf. Wie sie das geschafft haben und welche Kniffs und Tricks sie in der Gewissensindustrie der Medien erfolgreich eingesetzt haben – dieses Rätsels Lösung soll nachfolgenden Generationen überlassen bleiben. Dass einige der größten Menschheitsverbrecher Vegetarier waren, wird ja gerne von Carnivoren zur Selbstentlastung ins Feld geführt. Am moralisch hervorragenden Ruf des Vegetarismus hat es freilich nichts geändert.

Bekanntlich ist, wofür es sich zu leben lohnt, auch das, wofür es sich zu sterben lohnt

Bekanntlich ist, wofür es sich zu leben lohnt, auch das, wofür es sich zu sterben lohnt. Manchmal sogar zu morden lohnt. Dass die am tiefsten fühlenden Tierschützer oftmals einen Hass auf ihre Mitmenschen entwickeln, der sich bis zur Mordlust steigern kann, ist ein bekanntes Phänomen. Erst vor wenigen Wochen kam die kalifornische Restaurantkette „Café Gratitude“ (Café Dankbarkeit – remember: Du bist, was Du isst!) in die Schlagzeilen. Die Eigentümer hatten bekanntgegeben, dass sie nach 40 Jahren Vegetarismus privat für sich wieder angefangen hätten, Fleisch zu essen. Die Folge: selbst vor Morddrohungen schreckte die enttäuschte Fangemeinde nicht zurück. Dass dagegen Menschen, die zum Vegetarismus konvertieren, von Carnivoren mit dem Tod bedroht würden, ist mir bisher noch nicht untergekommen.

Als der bekannte Politiker Pim Fortuyn, der sich 2003 anschickte, holländischer Ministerpräsident zu werden, im Wahlkampf ermordet wurde, war die Vita seines Mörders Volkert van der Graaf eigentlich die eines klassischen „Gutmenschen“: politisch links, sozial engagiert, fremdenfreundlich, für Tierrechte kämpfend und vor allem: streng vegan. Nach dem Essen zu urteilen, hätte so einer, der keiner Fliege etwas zu leide tun konnte, niemals nicht auf einen Menschen schießen können. Er konnte und er tat es.

Du bist, was du isst – das Essen bestimmt dein Sein. Diese Sätze werden auch mit metaphysischem Spin nicht richtiger. Wenn du ein Idiot bist, kannst du Gold fressen und bleibst doch ein Idiot. Und wenn du dein Leben nicht dir selbst und den kleinen Heiterkeiten des Daseins verschreibst, sondern irgendeiner Selbstoptimierung oder Weltrettung, dann hast du ein Problem, dass sich auch mit gesundem Essen nicht lösen lässt. Darauf einen Dujardin!

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