Deutsche Denkbewegungen für Nahost: immer wieder Lust an der Apokalypse

Die folgenden Gedanken haben unmittelbar nichts mit Grün zu tun, aber sehr viel mit typisch deutschem Denken, das, damit sich die Wahrheit offenbaren kann, bereit ist, auch über Leichen zu gehen. Im folgenden beziehe ich mich auf einen Kommentar des SPON-Redakteurs Markus Becker, in dem er dem israelischen Raketenabwehrschirm Iron Dome unterstellt, ein Hinderungsgrund für den Frieden in Nahost zu sein.

Die Deutschen sind bekannt dafür, Dinge zu Ende zu denken. Das hat ihnen den Ruf eingebracht, ein Land der Dichter und Denker zu sein. Diese Art östlich-metaphysische Tiefe paart sich mit ein paar Sekundärtugenden wie Disziplin, Fleiß und Pflichtgefühl. Wichtige Erfindungen und Patente, wirtschaftliche Prosperität und ein funktionierender Staat haben wir dieser Paarung zu verdanken. Bekanntlich sind es aber auch die Sekundärtugenden, mit denen man ein KZ betreiben kann, und es benötigt schon die deutsche metaphysische Tiefe, um sich die Endlösung auszudenken. Yin und Yang.

Die Art, sich erst in Bewegung zu setzen, wenn etwas bis zum Ende durchdacht und durchplant wurde, hat den Deutschen sehr viel Reichtum eingebracht, denn es ist diese Fähigkeit, die im Maschinenbau so eminent wichtig ist. Eine Maschine, die Funktionsfehler aufweist, kann für den Anwender schnell zur Todesfalle werden. Gleichzeitig ist es diese endgeplante Präzision, die vor allem an deutschen Kriegsmaschinen, die den Tod bringen sollen, so geschätzt wird und Deutschland den dritten Platz der Exportweltmeister eben dieser Todesgeräte eingebracht hat.

Das Internet-Zeitalter hat eine andere, vielleicht neue Denkart zum Blühen gebracht. Diese entwickelt Produkte, die mit Fehlern behaftet sind, wirft sie aber trotzdem auf den Markt. In einer sich rasant verändernden technischen Umgebung ist es manchmal wichtig, nicht abzuwarten, bis Imperfektion und Fehler aufgelöst wurden. Learning by doing heißt das im Volksmund. Nicht das abgeschlossene Endprodukt ist die entscheidende Größe, sondern das flexible Produkt, das wie Google, Microsoft oder Amazon sich fast jedes Jahr rundum erneuert. Wer einen Mercedes kauft und in die Werkstatt gerufen wird, erlebt dies als Makel. Wer jedoch ein Smartphone erwirbt und schon im nächsten Jahr aufgerufen wird, ein neues Betriebssystem zu implantieren, erlebt dies als Service.

Die eine Denkbewegung benötigt bereits im Beginn die endgültige Lösung, die in ihrer Weiterentwicklung nur schöner und schneller gemacht werden muss, während die andere Denkbewegung nicht das Ende antizipiert, sondern das Unvorhersehbare im System einbaut. High-Tech Industrien wie die in den USA oder Israel haben dieses Prinzip verinnerlicht und feiern auf dem Markt der digitalen Technologien Erfolge. Die Deutschen bauen weiterhin Maschinen.

Es sind diese beiden unterschiedlichen Denkbewegungen, die im Nahostkonflikt zu den größten Missverständnissen führen. Ein Land wie Israel, das gegen Endlösungen eine nicht unerklärliche Skepsis hegt, ist schon froh, wenn mal zwei Jahre Ruhe an den Grenzen herrscht. Ein Deutscher, der erst befriedigt ist, wenn das Perfekte eingetreten ist, sieht diesen zeitlich begrenzten Ruhezustand als Makel. Ihm schwebt ein ewiger Friede vor, ein denkbar perfektes Produkt, ein Endzustand. Ein Reagieren auf Unwägbarkeiten, eine Akzeptanz des Imperfekten, ein eingebauter Fehler machen ihn nervös.

Der deutsche Wunsch, Probleme endzulösen, ist in einem apokalyptischen Bewusstsein begründet, wobei hier Apokalypse in ihrer ursprünglichen Form als Offenbarung gemeint ist. Das Problem muss sich mit aller Deutlichkeit und Rigorosität offenbaren, damit die Lösung für alle einleuchtend und nachvollziehbar erscheint. Eine gewisse Lust bis Wolllust an der Offenbarung und damit an der Auffassung, dass sich erst mit der Offenbarung das Bessere und Wahre durchsetzen könne, geht mit dieser deutschen Eigenart zu denken einher. Hitler sah den Kampf der Slawen gegen die Germanen als diejenige Offenbarung an, die notwendig sei, damit sich das Bessere durchsetzen könne. Wie die Geschichte ausging, wissen wir.

Wenn der SPON-Redakteur Markus Becker sich nun seine Gedanken um eine Endlösung des Nahostkonflikts macht, steht er in bester Tradition dieses sehr deutschen Denkens. Zwei Jahre mögliche Ruhe in Israel reichen ihm als Lösung nicht. Und der hochgerüstete Iron Dome wird ihm dann zum Symbol der Unangreifbarkeit Israels, die eine kommunikative Lösung verunmöglicht. „Er trägt dazu bei, dass der Weg zu einer Lösung des Problems versperrt bleibt. Denn die kann nur eine politische, niemals aber eine technisch-militärische sein“, schreibt er.

Dieser Satz offenbart in drei Belangen ein sehr deutsches Unterbewusstes: Erstens ist das „niemals“ geschichtsvergessen, denn Lösungen können manchmal – nein, falsch: müssen manchmal technisch-militärischer Natur sein. Die Alliierten haben Hitler-Deutschland nicht durch kluges Reden in die Knie gezwungen. Dass derartige geschichtsvergessene Sätze dennoch beim Spiegel erscheinen, der von unzähligen Hitler-Titelbildern und Weltkrieg-II-Stories lebt, befremdet sehr und weist die Richtung, in die das Unterbewusste driftet.

Zweitens: der Iron Dome bietet Israel eine gewisse Sicherheit vor den abgeschossenen Raketen. Eben dieser Umstand, dass Israel sich lieber unangreifbar macht, provoziert das apokalyptische Denken ungemein. Denn die Möglichkeit, die Hamas Raketen „noch nicht einmal zu ignorieren“, bringt natürlich den Konflikt nicht zu seiner letzten Offenbarung. Lieber als der Iron Dome wären Herrn Becker viele Hunderte tote Israelis, weil im Zuge eines solchen Blutbads und Sterbens das ganze Ausmaß des Konflikts in die Offenbarung treten würde und eine Lösung in greifbare Nähe rücken könnte. Spätestens hier wird deutlich, in welcher Form Unmenschlichkeit und Lebensverachtung dem apokalyptischen Denken innewohnen.

Und drittens: Becker insinuiert mit seinen Ausführungen, dass je mehr tote Israelis es gibt, desto höher der Leidensdruck wird, der die Konfliktparteien an einen Tisch zwingt, um eine politische Lösung herbeizuführen. Dass dieses Prozedere seit Jahrzehnten angewendet wurde und zu nichts geführt hat, verschweigt er und auch, dass ein Großteil der islamischen Welt nicht eher ruhen wird, bis „das zionistische Gebilde“ verschwunden ist. Bis heute hat die Hamas, man kann nicht oft genug darauf hinweisen, das Existenzrecht Israels noch nicht anerkannt.

Solange das so ist, erscheinen ein, zwei Jahre Ruhe an den Grenzen immer noch als die beste Zwischenlösung. Dazu müsste man nur das deutsche Unbewusste zum Schweigen bringen.

2 Kommentare

  • „….das Existenzrecht Israel….“

    Wenn es nur das wäre… In der Charta der Hamas steht klipp und klar von der Vernichtung Israels und der Juden zu lesen. Aber: Wer will denn sowas schon lesen?

    „…das deutsche Unbewusste….“

    ..wird sorgsam von deutschen Politikern gepflegt und am Leben erhalten. Sie sagen einfach: der Islam gehört zu Deutschland. Und damit also der (verpflichtende) islamische Haß auf Juden. So taucht aus dem Unterbewußtem das Bewußtsein empor. In einem rasenden Antisemitismus. Der Ruf auf deutschen Straßen: „Juden ins Gas“ wird so plötzlich tolerabel. Allerdings nur bei Neudeutschen mit geschenktem deutschen Paß. Das deutsche Unterbewußtsein wird so gefahrlos bedient.

    Mir ist bislang kein Fall bekannt, daß ein solcher „Mitbürger“ von der Polizei gegriffen, hochgenommen und von einem Richter mit Höchststrafe verknackt wurde. Und da stellt sich Herr Graumann hin und beklagt (zu Recht) ebendies. Vergessend, seine eigene Mahnung an die deutschen Ureinwohner, doch bitteschön die islamischen Zuwanderer zu begrüßen und in ihrer Art zu tolerieren.

    Also, wie hätten’s denn gern: Islam ohne Islam, oder wie?

  • Ich geniere mich nicht, Dinge zu Ende zu denken, wenn es sich ermöglichen lässt. Die beschriebene Entwicklung, auch mit fehlerhaften Produkten Erfolg zu haben sehe ich nicht unkritisch. Micorsoft hat zum Beispiel zwar erfolgreiche Produkte entwickelt, die aber bekanntermaßen nie besonders gut waren und bis heute zu Systemabstürzen führen. In der Unterhaltungsbranche und beim Schreiben eines Briefes im Büro ist das alles kein Problem. Nach meiner Kenntnis benutzt niemand in einem Bereich, in dem es wirklich auf Sicherheit ankommt, Microsoft-Produkte.
    Heute sind ca. 20-25% der Herstellungskosten eines Autos Elektronik. Man stelle sich eine Fahrt auf der Autobahn mit Tempo 200 vor, und es gibt einen Systemabsturz. Ich möchte nicht drin sitzen.
    Andererseits denke ich nicht, dass das zu Ende denken in Deutschland übermäßig weit verbreitet ist. Sonst würden nicht so viele an die Energiewende glauben.