Die Kanzlerin lernt und die Lemminge schweigen

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Also eines muss man der Kanzlerin lassen: sie kann lügen, ohne rot zu werden, und Schwarz für Weiß verkaufen, dass es eine Freude ist. Am 12. Mai 2016 ließ sie auf dem Europaforum des WDR in Berlin in einem Podiumsgespräch mit Tom Buhrow folgenden Satz vom Stapel: „Wir müssen in Europa lernen, unsere Außengrenzen zu schützen und selbst zu entscheiden, wer zu uns kommen kann.“ (ab Minute 44)

Eine Million Neubürger und fast 100 Milliarden Integrations-Steuergelder später fällt der Kanzlerin dann doch auf einmal ein, wie wichtig es sein könnte, die Außengrenzen zu schützen und selbst zu bestimmen, wen man ins Land lässt. Also genau das, was sie selbst und ihre Claqueure noch vor wenigen Wochen als rechtspopulistisch und voll Nazi brandmarkten, wird auf einmal – en passant – das neue alternativlose Merkel-Programm.

Hysterie wird zu Schulterzucken

Noch merkwürdiger als der Schwenk der Kanzlerin ist das schweigende Schulterzucken der Wir-schaffen-das-Fraktion. Wo sind eigentlich die Anja Reschkes und Dunja Hayalis, die jetzt klare Kante gegen Fremdenfeindlichkeit zeigen und mal so richtig auf den Putz hauen könnten, um ihre Integrationsbambis und Mutiger-Journalismus-Preise zu rechtfertigen? Wo gehen sie mit dem gleichen Mut, den sie gegen die Zwerge der AfD zelebrierten, nun gegen die mächtigste Frau im Lande vor?

Und wieso hakt eigentlich Tom Buhrow, immerhin Flagschiff des „staatsfernen kritischen Journalismus“ im Lande, nicht mal nach, wie denn die Kanzlerin zu diesem Sinneswandel komme? Wo bleibt das knallharte Nachfragen, das Aufzeigen von Widersprüchen, das Erinnern an vorhergegangene, diametral entgegengesetzte Aussagen und all das andere, was kritischen Journalismus noch so ausmachen sollte?

Nachdem Merkels Weigerung, die Grenzen des Landes, dem sie vorsteht, schützen zu wollen, bereits mit Martin Luther verglichen worden war („da steht sie nun und kann nicht anders“), belehrt sie nun auch die ergebensten ihrer medialen Wasserträger, dass sie, Frau Merkel, da, wo sie steht, immer auch anders kann. „Wir müssen in Europa lernen, unsere Außengrenzen zu schützen und selbst zu entscheiden, wer zu uns kommen kann.“ Dumm gelaufen für jene, die der Kanzlerin doch glatt irgendetwas Programmatisches unterstellt haben und ihr „Wir schaffen das“ als „den Anfang der Politik“ ins metaphysische Walhalla verklärten.

Heute im Sonderangebot: Lernen für nur 100 Milliarden Euro

Hört man sich ihren Auftritt mit Tom Buhrow an, fällt auf, wie oft die Bundeskanzlerin in ihren Ausführungen vom „Lernen“ spricht. Insgesamt führt sie in den wenigen Minuten das Wort „Lernen“ zehnmal im Mund: Europa lerne gerade, seine Außengrenzen zu schützen, Europa lerne gerade, Fluchtursachen zu bekämpfen, Europa lerne gerade, mit der Türkei, dem Libanon, Libyen und anderen afrikanischen Ländern seine Werte zu verteidigen und Europa lerne gerade, den Schleppern und Schleusern das Handwerk zu legen.

Das klingt irgendwie alles so menschlich, dieses Lernen. Und gesteht man nicht auch der Kanzlerin, die ja auch nur ein Mensch ist, gerne zu, ein wenig in ihrem Amt lernen zu wollen? Die Kanzlerin lernt und mit ihr Europa. Das ist doch fantastisch. So menschlich. Fast ist man versucht zu sagen: so weiblich. Wenn fast 100 Milliarden an Steuergeldern dazu führen, dass unsere Kanzlerin noch etwas lernt, dann haben sich doch diese Ausgaben mehr als gelohnt. Andere deutsche Kanzler, die sogar tausend Jahre und älter werden wollten, waren teurer, ohne dass sie etwas dazugelernt hätten. Also, Hand aufs Herz: in einer Wissensgesellchaft ist Lernen das A und O, und die Kanzlerin macht’s vor.

In seiner fantastischen Analyse zum Regierungsstil der Kanzlerin beschrieb der bekannte Soziologe Prof. Wolfgang Streeck zehn Tage vor dem WDR-Europaforum die Wirkungsweise, wie es Angela Merkel gelingt, ihrer perspektivlosen Politik austauschbarer Beliebigkeiten eine Legitimation zu verleihen: „indem sie die aufeinanderfolgenden, machtpolitisch getriebenen Wechsel der Programme und Koalitionen als persönlichen Entwicklungsroman abbildet.“ Ihre politischen Wendemanöver verkauft Angela Merkel „als persönliche Bekehrungserlebnisse, die die Bürger unter Anleitung der regierungsamtlichen PR-Maschinerie und mit Hilfe der mehr oder weniger regierungsamtlichen Medien mitfühlend verfolgen und diskutieren dürfen.“

Merkels Hütchenspielertricks

Keinem Journalisten vom Schlage Tom Buhrows dürfte dieses Stück politischer Analyse, das in der FAZ erschienen war, entgangen sein. Fällt da also einer wieder auf die Kanzlerinnenmasche rein oder macht er womöglich willfährig mit, um die regierungsamtliche PR-Maschinerie gut geölt am Laufen zu halten?

Man sollte sich bekanntlich der Begriffe „Lügenpresse“ oder auch „Jubelpresse“ nicht inflationär bedienen, aber wie Frau Merkel ihre Kanzlerinnenschaft als persönlichen Entwicklungsroman mit Lerneffekt abbildet, ist nach der Streeckschen Analyse wie ein Hütchenspielertrick mit Ansage, von dem kein Tom Buhrow mehr überrascht gewesen sein dürfte. Diesen Hütchenspielertrick zu entlarven, das wäre mal Journalismus gewesen!

Wenn man dem Volksmund Glauben schenken darf, sind es die Fehler, aus denen man lernt. Dass aber Frau Merkel den seit sicher 70 Jahren historisch größten Fehler eines deutschen Regierungschefs gemacht hat, ist unter den Medienvertretern noch immer ein Tabu. Diesen Fehler zu benennen, würde für die Medien dann auch bedeuten, die eigene Willfährigkeit zu hinterfragen. Das aber, davon ist auszugehen, ist in einem Land, in dem die Unterwerfungsgesten der Medienvertreter unter die Macht der Herrschenden zum offenbar schützenswerten historisches Erbe gehören, ein Ding der Unmöglichkeit.

Das Narrativ, das die überwiegende Zahl der Medienvertreter anerkennen und verbreiten, ist das eines ökologischen, offenen und pazifistischen Deutschlands. Der weiße alte Mann hat bekanntlich sein Fett weg bekommen und spätestens seit Frau Merkel an der Macht ist, kommt zu diesem Narrativ noch das des weiblichen Deutschlands hinzu. Es ist, zusammengefasst, das Narrativ des Post-Auschwitz-Deutschlands. Wer daran rüttelt, am Ökologischen und Weiblichen und Pazifistischen, ist eben wieder voll Prä-Auschwitz und damit gleich mal Nazi.

Sind Frauen die besseren Männer?

Nun kann man aber auch festhalten, dass Deutschland noch nie so schlecht regiert wurde wie unter Merkel: die programmatische Verweigerungshaltung, der Zick-Zack-Kurs, die plötzlich und unerklärlich auftretenden Erweckungserlebnisse, das freundliche Gesicht, der sinnentleerte Humanismus – all das, so bleibt unweigerlich festzuhalten, gehört wohl zu dem großen Strauß des Weiblichen, der unsere Gesellschaft so viel besser machen sollte.

Wie sähe denn die Alternative zu einem ökologischen, offenen, pazifistischen und weiblichen Deutschland aus? Deutschland würde nicht überall wie ein Besoffener das Klima retten wollen, hätte noch ein paar Atomkraftwerke am Laufen und würde vielleicht technischer Vorreiter in der vierten Generation von Atommeilern sein, die aus nuklearen Abfällen Energie gewinnen könnten. Geringere Energiepreise und ein paar tausend Windräder weniger wären auch nicht schlecht.

Das Gegenteil von offen wäre ein Deutschland, dass zumindest nicht die Bereitschaft, seine Grenzen zu schützen, aufgegeben hätte, sondern sie unter besonderen Umständen auch schließen würde. Und das Gegenteil von pazifistisch wäre ja nicht bellizistisch, sondern wehrhaft, was in der Folge zu einer besseren Ausstattung der Bundeswehr, funktionierenden Waffensystemen und gesteigertem Engagement mit unseren Nato-Partnern führen würde. Im Innern könnte mit einer besser motivierten und weniger überlasteten Polizei sogar das Gefühl von Sicherheit steigen.

Und wenn sich das Weibliche in Bockigkeit, inhaltsleeren Volten, moralischem Hochmut und Devotion vor totalitären Herrschern ausdrückt, kann ich auch bestens auf die Herrschaft des Weiblichen verzichten. Für den Fall, dass Frau Merkel noch etwas lernen will, kann sie ja die Schulbank drücken. Als Bundeskanzlerin sollte man nämlich etwas können und nicht etwas erst lernen müssen. Aber das nur nebenbei.

Vielleicht empfand ich die letzten Monate als so irrsinnig, weil ich als Mann der holden Weiblichkeit der Vorgänge nur wenig abgewinnen konnte. So viel Selbstkritik muss sein. Aber wissen Sie was? Ich finde, dieses Land hat wieder einen Mann als Bundeskanzler verdient. So zur Abwechslung. Von mir aus kann der alt und weiß sein.

2 Kommentare

  • Es ist immer wieder schön, in Blogs zu lesen, in denen die Autoren alles ganz genau wissen. Whow! Die Beschreibung Ihrer exzellenten Kenntnisse der Befindlichkeiten unserer Bundeskanzlerin sowie ihrer „regierungsamtlichen PR-Maschinerie“ sind beachtlich. Am Zynismus könnte noch gefeilt werden. Aber ich bin sicher, dass Sie daran hart arbeiten.

  • “ … dass Deutschland noch nie so schlecht regiert wurde …“

    Ich habe das mal so ausgedrückt:
    Noch nie hatten wie soviele Frauen ind Politik und Verwaltung.
    Und noch nie waren Politik und Verwaltung so schlecht.

    Ist das eine Inzidenz, eine Korrelation oder eine Kausalität?