Eine Kultur des Weniger

Es war ein vielbeachteter Kommentar von Frau Katrin Göring-Eckardt im Tagesspiegel 2011: „Für eine Kultur des Weinger“.

Was damit jenseits des religiös-politischen Kauderwelsch wirklich gemeint ist, erklärt uns die Journalistin Frau Uschi Entenmann (keine Witze über Namen!) in einer Reportage, die zuerst in der Zeitschrift „natur“ erschien, bevor sie – der grünen Güte oder der großen Nachfrage wegen? – einige Wochen später auch auf Spiegel Online veröffentlicht wurde.

Unter der Überschrift „Nachhaltigkeit: Wie Kuba zur Insel der Energiesparer wurde“ kriegt sich Frau Entenmann gar nicht mehr darüber ein, dass das sozialistische Paradies in der Karibik aus seiner großen Not inzwischen eine Tugend gemacht hat. Dazu musste nur die „Revolución Energética“ ausgerufen werden.

„Castro verkündete damals in einer Fernsehansprache: <Wir warten nicht, bis Treibstoff vom Himmel fällt, denn wir haben etwas Wichtigeres entdeckt: Energie sparen. Das ist so, als würde man auf ein riesiges Ölvorkommen stoßen.>“

Nein, das ist ja der W A H N S I N N! Toll unser Máximo Líder.

„Seitdem werben überall auf der Insel riesige Propagandaplakate fürs Energiesparen. Die <Granma>, offizielle Zeitung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kubas, lobpreist in fast jeder Ausgabe erneuerbare Energien, auf Cubavisión läuft einmal die Woche eine Fernsehshow rund um Energiefragen. Schon 2005 verbot der <Máximo Líder> den Gebrauch herkömmlicher Glühbirnen.“

Diese schöne neue Welt aus Diktatur, Umerziehung, Propaganda und Armseligkeit scheint für Frau Entenmann ein erstrebenswerter Zustand zu sein. „Die Energie-Revolution hat Kuba zum nachhaltigsten Land der Welt gemacht“, lautet ihr abschließendes Fazit. Das ist schön für Kuba, möchte man anfügen, dass die bitterböse Armut, unter der Millionen von Kubanern leiden, von irgendwelchen Wohlstandsfratzen inzwischen als Nachhaltigkeit umdekliniert wird. Denn in einem Land, in dem es keine freie Energie gibt und meist auch keine Geräte, die diese freie Energie verbrauchen könnten, ist Energiesparen natürlich nicht schwer, ergo der Daseinszustand der Menschen wirklich nachhaltig.

Unfreiwillig komisch wird es dann, wenn die von allen guten Geistern verlassene Autorin die Armut auf Kuba als umweltsensibel beschreibt. Für die Küstenstadt Cárdenas liest sich das so:

„Es gibt auch einfache Lösungen. Das Hauptverkehrsmittel der Küstenstadt war und bleibt das Fahrrad. Es beherrscht als stählernes, auf einem Podest montiertes Denkmal die Einfahrtsstraße der Stadt, ein Symbol des ökologischen Fortschritts, mit dem die Provinzkommune die Hauptstadt Havanna in vielerlei Hinsicht bereits überholt hat. Während dort der Busverkehr nach wie vor lahmt, herrscht in Cárdenas fließender Verkehr. Der Padre zählt es an den Fingern ab: <Wir haben Hunderte Pferdekutschen, die feste Routen fahren und jeweils zwölf Personen fassen. Dazu Ochsenkarren, die Lasten transportieren und schätzungsweise 100.000 Fahrräder, die unsere Einwohner mobil machen.>“

„Heureka! Zurück zu Pferdekutsche und Ochsenkarren!“,  möchte man da freudig ausrufen. Und alles der Nachhaltigkeit und einer „Kultur des Weniger“ wegen.

Bei derartigen begeistert-grünen Propagandastücken muss die Frage erlaubt sein, ob das noch dümmlicher Selbstbetrug oder schon blanker Zynismus bis hin zur Leserverarsche ist. Wobei sich diese Frage sowohl an die Autorin wie auch an die veröffentlichenden Redaktionen richtet.

Dass die Wirklichkeit sich meist in die grüne Wünsch-Dir-was-Welt nicht nahtlos einfügen lässt, macht eine Meldung keine 4 Wochen nach Erscheinen der Entenmann-Reportage ebenfalls auf Spiegel-Online deutlich: „Millionen Menschen ohne Strom: Kuba liegt stundenlang in Dunkelheit“.

Wenn das nicht das Maximum an Nachhaltigkeit ist.

5 Kommentare

  • Zynischer geht ja wohl kaum mehr. Offensichtlich werden hier feuchte Wunschträume für das eigene Land, wenn nicht gar für den Kontinent dargestellt.

    Noch nachhaltiger, als ein Fahrrad (muß ja auch produziert – womit? – werden) ist das schlichte zu Fuß gehen. Und das ist allgemein (wandern?) gesünder. Bewegung schadet nicht.

    Ohnehin ist das Warten auf die Wiederkehr von Postkutsche mitsamt Postillion und Briefträger unterhaltsam. Eines läßt hoffen: Seinerzeit funktionierte die Post auf wundersame Weise. Es gab sogar mehrere Zustellungen am Tage. Auch die gute alte Eisenbahn mit Dampf war irgendwie effizienter. Und auch noch pünktlich.

    Hoffen wir also. Kuba sei dank.

  • Ich wünschte, die Grünen würden mal in ein afrikanisches Dorf gehen, das kurz vor dem Hungertod steht, und dort in der Landessprache einen Vortrag über ihre „Kultur des Weniger“ halten :(

  • Dazu kann ich nur zitieren:

    „Denken wir nur an den Fall der Berliner Mauer 1989. Die DDR hätte nach heutiger Denkschule eigentlich ein ökologisches Paradies sein müssen: Keine Flüge nach Mallorca, keine Kiwis aus Neuseeland, eingeschränkter Individualverkehr, kein McDonalds, Konsumverzicht allenthalben. Doch heraus kam eine gigantische Sondermülldeponie.“

    • Verraten Sie uns noch, wen Sie da zitieren?

    • Warum machen nur Katastrophen Quoten und Auflagen? –
      Die Rolle der Medien bei der Wahrnehmung von Umweltthemen in der Öffentlichkeit

      Vortrag von Dirk Maxeiner