Heute etwas Fiktionales: Brief an einen geliebten Menschen

Als Vater zweier adoleszierender Kinder mache ich mir seit letzter Woche Gedanken, wie es wohl wäre, wenn meine 21jährige Tochter mir mitgeteilt hätte, sie wäre auf eine dieser Anti-Israel-Demonstrationen gegangen, „um ihre Solidarität mit den Palästinensern und ihren Widerstand gegen den Krieg“ zum Ausdruck zu bringen. Was würde ich ihr schreiben können?

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Meine liebe J.,

Du hast sicher schon am Telefon gemerkt, dass ich ziemlich erschüttert war von dem Umstand, dass Du an einer judenfeindlichen Demonstration teilgenommen hast. Ich könnte jetzt viele standardisierte Sätze loswerden, die ich gelernt habe, um Generationenkonflikte zu entschärfen: wie sehr ich Dein Gerechtigkeitsempfinden respektiere und wie toll ich Dein Engagement finde. Aber sie wären alles andere als ehrlich. Denn trotz meiner Liebe zu Dir überwiegt die Fassungslosigkeit über so viel Geschichtsvergessenheit.

Du im Gegenzug hast mir vorgeworfen, ich würde blind zu Israel stehen und nicht sehen, dass Israel Kriegsverbrechen begeht. Zu den Kriegsverbrechen möchte ich nicht Stellung nehmen und hoffe inständig, dass dir dieser Begriff im Eifer des Streits herausgerutscht ist. Mit dem Vorwurf der Kriegsverbrechen bist du bereits mittendrin in dem, was ich die Kriminalisierung des Staates Israel nenne. Früher hieß es Blutsauger und Parasit, heute heißt es Verbrecher und Kindermörder. Und immer unterjochen sich die Juden fremde Völker. Vielleicht siehst Du daran, wie sehr die Ressentiments von heute denen von früher ähneln.

Ich stehe an Israels Seite. Aber ist das schon blind? Israel steht für Werte, hinter denen ich auch stehe: Demokratie, Gleichberechtigung, Fortschritt und Prosperität. Sag Du mir bitte, warum ich an der Seite von Fanatikern stehen sollte, die das Recht auf Individualität mit Füßen treten und denen das Himmelreich wichtiger ist als dieses wunderbare Leben auf dieser Erde. Gerade Du, die sich immer das Recht auf ihren eigenen Weg herausgenommen hat, müsstest doch einsehen, dass Du in den islamistischen Ländern weder Deine zerrissenen Jeans noch die Piercings tragen dürftest. Von Rauchen, Tanzen und Trinken ganz zu schweigen. Was ist daran erstrebenswert?

Du sagst, man müsse sich gegen die Ungerechtigkeit engagieren. So selbstlos das klingt, erlaube ich mir dennoch, eine andere Meinung zu haben. Ich wünschte, mir wäre Israel so egal wie die meisten anderen Länder. Die Forderung eines weltumspannenden Bewusstseins, bei dem jeden alles angeht, halte ich für maßlos. Meist wird sie von Menschen vertreten, die damit ihre sehr selektive Wahrnehmung zu kaschieren versuchen. Und meist steht Israel im Mittelpunkt dieser sehr selektiven Wahrnehmung. Ich dagegen erfreue ich mich an allen Ländern, von denen ich nichts wissen müssen muss.

Als der Krieg zwischen Israel und der Hamas eskalierte, kamen im gleichen Zeitraum mehr als doppelt so viele Menschen in Syrien um. Der syrische Bürgerkrieg scheint an Brutalität nicht zu überbieten zu sein. Habe ich die Kundgebungen und Solidaritätsbekundungen dazu verpasst? Oder an dich gerichtet: hast Du der syrischen Toten gedacht und warst so aufgebracht über so viel Leid, dass es dich auf die Straße trieb?

Dann erlaube mir die nächste Frage: warum bloß wird bei den Toten mit zweierlei Maß gemessen? Palästinensische Tote entfachen einen Brand des Hasses auf Israel. Syrische Tote gehen den meisten Menschen am Allerwertesten vorbei. Du könntest auch die Toten in Libyen, im Irak oder in Nigeria nennen. Wenn wirklich jeden alles anginge, man würde von der Straße gar nicht mehr wegkommen. Die Wahrheit jedoch ist, dass die Straße nur die palästinensischen Toten kennt und sich am Hass gegen Israel und die Juden hochzieht.

Ich habe dir am Telefon gesagt, dass ich deine Gefühle respektiere, sie aber für vorgeschoben halte. Daraufhin hast Du aufgelegt. Es ist der alte Konflikt zwischen uns beiden. Du wirfst mir vor, ich würde deine Gefühle nicht ernst nehmen und ich empfinde deine Gefühle als blind. Diesen Konflikt können wir jetzt nicht lösen. Ich möchte versuchen, von der anderen Richtung zu kommen.

Wir Menschen nehmen selektiv wahr. Leider wissen wir nicht, wer oder was unsere Auswahl bestimmt. Wer setzt die Filter, dass bestimmte Wahrnehmungen uns berühren, während andere uns kalt lassen oder sogar unterhalb des Wahrnehmungsradars bleiben? Solange wir den Urheber unserer Wahrnehmungen nicht benennen können, sollten wir unserer Auswahl nur bedingt trauen. Ganz besonders misstrauisch sollten wir in Bezug auf die Wahrnehmung des Jüdischen sein, denn hier ist eine wirkungsmächtige Matrix am Werk, die unsere Kultur seit fast 1.000 Jahren mit bestimmt.

Noch immer gibt es keine wirklich befriedigende Antwort darauf, wo dieser völker- und nationenübergreifende Antisemitismus herrührt. Fast könnte man meinen, er gehöre zur DNA Europas dazu – sozusagen eingeschrieben in die Kulturgene. Aber es ist nicht Europa allein. Überall dort, wo das Christentum sich ausgebreitet hat, gibt es eine Tendenz zum Antisemitismus. Von Südamerika bis Russland werden Juden gerne gehasst. Und im 20. Jahrhundert ist mit dem islamischen Antisemitismus eine Spielart ins Bewusstsein gerückt, die nicht mehr allein christlich konnotiert ist. Islam wie Christentum folgten dem Judentum nach, bauten auf ihm auf und hassen es trotzdem – oder gerade deswegen – auf inbrünstige Weise. Es ist ein wenig wie mit dem Hase und dem Igel. Der Igel ist immer schon da, wo der Hase hinkommt. Nur dass in der echten Welt zerstörerische Emotionen damit einhergehen.

Egal ob man an Gott glaubt oder an die Umma oder an die Überwindung der Nationalstaaten, die Juden sind eine Provokation geblieben. Sie weisen die Angebote der Gottesfürchtigen zurück und zeigen wenig Bereitschaft, Begriffe wie Volk und Nation zugunsten von etwas Weltumspannenden zu überwinden. Alle politischen und religiösen Anschauungen, die ewigen Frieden und eine einheitliche Welt versprechen, neigen dazu, die Juden abzulehnen. Sie sind der Stachel im Fleisch aller Heilsversprechen, weil sie gelassen verschmähen, was unserem Denken so heilig zu sein scheint.

Wir Heutigen, die wir nicht mehr in die Kirche gehen oder an einen Gott glauben, sollten nicht meinen, dass wir allein deswegen vor Antisemitismus gefeit wären. Nochmals: der Antisemitismus gehört zur DNA der monotheistischen Kulturkreise und hat sich schon lange von der Religion gelöst. Wir sollten ihn als Tatsache begreifen, mit der sich die monotheistische Welt konstituiert hat. Wenn wir unsere Kultur zugunsten zivilisatorischer Standards etwas befrieden wollen, dann müssen wir auch den Antisemitismus in den Griff bekommen. Bis dahin stehen wir alle unter Generalverdacht. Auch Du. Auch ich.

In uns allen schlummert ein Unbehagen am Jüdischen, das sich in Intervallen Bahn bricht. Vor 80 Jahren galten die Juden als Bedrohung für das Deutschtum, heute gelten sie als Bedrohung für den Weltfrieden. Vor 80 Jahren war allgemeiner Konsens, dass die Juden, die nicht mal 1% der deutschen Bevölkerung ausmachten, zu viel Macht und Einfluss hätten. Heute sind die meisten Menschen davon überzeugt, dass die Juden, die nicht mal 0,1% der Weltbevölkerung ausmachen, über Wohl und Wehe des Weltfriedens entscheiden. Das nenne ich selektive Wahrnehmung. Die Matrix dahinter ist das Unbehagen am Jüdischen, das sich jederzeit als Judenhass entladen kann. So wie jetzt auf den Gaza-Demonstrationen.

Wir Monotheisten sind anfällig für den Judenhass. Salopp gesagt, ist der Antisemitismus eine schlechte Angewohnheit, ein mentales Alkoholproblem. Schlechte Angewohnheiten wird man nur los, wenn man sich konsequent aller Verhältnisse entsagt, die einen in Versuchung führen könnten. Solidaritätskundgebungen für die Palästinenser, Gaza-Flotillen oder die Forderung nach der Kennzeichnung von israelischen Waren sind wie diese leckeren Alkoholpralinen, vor denen sich jeder Alkoholiker dringend hüten sollte. Wir sollten uns selbst nicht trauen, wenn mal wieder Israel und die Juden als scheinbares Weltenproblem aufpoppen. Wir sollten dann in uns hineinlächeln und sagen: Hoppla, da ist sie wieder, die bekannte Matrix, die unsere Wahrnehmungen bestimmt und unsere Gefühle lenkt.

Lass uns doch diese Matrix nicht immer wieder neu laden! Wenn man sich ihrer entsagt, wird sie schwächer und irgendwann ist sie hoffentlich ganz verschwunden. Dann sind wir einen Schritt weiter auf dem Weg zum selbstbestimmten und emanzipierten Menschen. Das ist doch ein großartiges Projekt.

Noch ein letztes deine Gefühle betreffend: ich kann deine Ohnmacht und die Verzweiflung nachempfinden, die die Bilder von zerbombten Städten, Dutzenden Toten und blutüberströmten, schreienden Kindern auszulösen vermögen. Auch wenn es ein Krieg der inszenierten Bilder ist, sollte niemand bei diesen Bildern hartherzig werden. Manchmal möchte ich mir die Haare ausreißen und die Menschheit verfluchen, die es in Kauf nimmt, soviel Unschuld einfach tot bomben zu lassen. Nun müsste der nächste Satz mit einem „Aber“ oder einem „Dennoch“ beginnen. Ich verzichte auf ihn, denn ich halte den Schmerz für wichtig und ich halte das Mitleid für genuin menschlich, denn an ihm entscheidet sich unsere Humanität. Deine und auch meine.

Sei ganz lieb umarmt, M.

5 Kommentare

  • „……dort, wo das Christentum sich ausgebreitet hat, gibt es eine Tendenz zum Antisemitismus….“

    Oberflächlich ist dieser Satz, diese Feststellung richtig. Aber sie trifft nicht den Kern. Deshalb, weil sich kein Christ darin auf seinen Begründer Jesus berufen kann und darf. Insoweit handelt ein Christ in seinem möglichen Judenhaß/Antisemitismus ausdrücklich gegen seine Religion der Nächstenliebe und gar der Feindesliebe.

    Ganz anders dagegen die Moslems. Sie handeln dem Koran entsprechend zum Wohlgefallen (!!) ihres Gottes Dies scheint mir doch ein bemerkens- und bedenkenswürdiger Unterschied zu sein.

    Ansonsten unterschreibe ich jeden Satz von Ihnen. Ich hätte diesen Brief fast ebenso geschrieben, bzw. schreiben können.

    • Nun sollte man nicht vergessen, dass vor allem die christlichen Gesellschaften eine lange Tradition des Antisemitismus haben – vor allem des eliminatorischen Antisemitismus‘. Das Kalifat von Cordoba hat den Juden (wie auch den Christen) einen Platz innerhalb der Gesellschaft zugewiesen, während erst nach der Reconquista alle Juden vertrieben wurden (oder sich taufen lassen mussten).

      Auch Luther hat sich als gläubiger Christenmensch verstanden und war ein lupenreiner Antisemit.

      Das mag zwar so nicht in der Bibel stehen, aber die Aufforderung zur Missionierung, die in der Bibel explizit genannt wird, hat ganz sicher den Hass auf die Juden verstärkt und befeuert.

  • “ Das Kalifat von Cordoba hat den Juden (wie auch den Christen) einen Platz innerhalb der Gesellschaft zugewiesen,…“

    Aber klar doch! Die Juden und auch in anderer Form die Christen mußten bestimmte Kennzeichen an der Bekleidung tragen (gelb!!) und durften z.B. keine Pferde erwerben und halten. Der NS hat diese spezielle Kennzeichnung genau aus dieser Epoche übernommen. Wie gesagt: Sozialismus und Islam sind hochkompatibel.

    Der gegen die Predigt des Christentums real existierende Judenhaß entsprang der Tatsache, daß die damaligen Führer der Juden Jesus ans Kreuz gebracht haben. Dies in völliger Verkennung der verbreiteten Heilsgeschichte und ihres Sinns. Es war, ist und bleibt für Christen eine Sünde wider den Glauben und Gott.

    • „….einen Platz innerhalb der Gesellschaft zugewiesen…“

      Die ganze Zeit bohrt dieser Halbsatz in mir herum. Egal, um wen auch immer es sich handelt: Wer glaubt, jemanden „einen Platz“ zuweisen zu können/müssen – ob in der Kneipe, der Gesellschaft, in der Straßenbahn, oder im Schwimmbad – handelt/ist totalitär. Es ist der Entzug der individuellen Freiheit. Und darin sind sich alle dem Kollektiv verschriebenen Ordnungen absolut gleich.

      Dies macht es leicht zu unterscheiden: Kollektiv vs. Freiheit. Es ist daher leicht nachvollziehbar, daß die Jakobiner (als erste Sozialisten) die bürgerliche Parole „Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit vor dem Gesetz“ auf die Forderung „Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit“ reduzierten. Nur so ist Kollektiv „zum Nutzen des Höheren“ durchsetzbar. Gilt bis heute.

  • Das Schisma zwischen Juden und Christen vollzog sich etwa um 85 n.Chr. Anlass für den Auszug der Christen aus den Synagogen war das 18-Bitten-Gebet (Birkat-ha-Minim), das nach Vorgabe der Gelehrten aus Jabne zwingend vor jedem Gottesdienst gesprochen werden musste. Ein weiterer Grund ist im Christentum aufgrund seines gnostischen Ursprung selbst angelegt, denn danach versteht es sich als einzig wahre Religion, das Judentum hängt aus dieser Sicht hingegen störisch einem verworfenen Gott, dem Demiurgen, an.
    Ein weiterer Grund für den jahrtausendealten Judenhass war der Codex Justinianus von Justinian I (oströmischer Kaiser 527-565), dessen Judengesetzgebung gewissermaßen die Vorlage für die Judengesetze der Nazis geliefert hatte.
    Im übrigen lebt der Antisemitismus auch ohne einen Juden in einem Land oder einer Stadt, ebenso wie bei Menschen, die ihrer Lebtag keinen Juden kennengelernt hatten. Antisemitismus ist folglich nach Auffassung verschiedener Seelenärzte eine Neurose. Ich teile diese Auffassung.