Mittelaltersehnsucht

Nationen benötigen bekanntermaßen Identifikationsflächen, um Selbstbewusstsein ausbilden zu können. Manchmal sind es Gründungsmythen, manchmal ganze Zeiträume. Für die deutsche Seele liegt die letzte sehnsüchtig erinnerte heile deutsche Welt zeitlich vor der Entdeckung Amerikas im Mittelalter. Der Erfolg von Schmonzetten wie der Wanderhure oder der Pilgerin lässt deutlich werden, dass das Mittelalter eine Sehnsuchtsmarix für Reinheit und Authentizität ist. Es vergeht kein Wochenende, an dem sich nicht an unzähligen Stellen der Bundesrepublik private Vereine und Gruppen zu pseudo-mittelalterlichen Spektakeln versammeln. Und will ein Bürgermeister in Deutschland sein Dorf- oder Stadtfest zum Erfolg führen, so muss er nur das Mittelalter mit Markt, Ritterspielen und Gauklern heraufbeschwören. Denn im Mittelalter war alles besser, weil alles so natürlich war und der Zusammenhalt zwischen den Menschen noch stimmte.

Dass das alles vollkommener Schmarrn ist und die Städte stanken wie Jauchegruben, die Menschen selten älter als 40 Jahre wurden, sich jederzeit Pogrome ereignen konnten und die Natur oftmals nicht genug hergab, um alle Menschen satt zu bekommen, ändert an dieser eigentümlichen Deutschen Sehnsucht nach dem Mittelalter, den Burgen und Pfalzen und vor allem nach dem heilen Leben im Einklang mit der Natur nichts. Der „Geist“ stimmte im Mittelalter, war er doch noch nicht von Zweifeln, Glaubensabfall und zersetzendem Streit vergiftet.

Es ist die Einfachheit des Lebens und die scheinbare Natürlichkeit der Welt, die so viele Deutsche am Mittelalter fasziniert. Hunger, Gestank und geistige Enge werden zugunsten eines „im Einklang mit der Natur“ wegromantisiert. Wenn es je eine „Kultur des Weniger“ gab, dann ist es das Mittelalter.

Während für die komplizierte und entzauberte Moderne gilt, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt, gilt dieses Unbehagen für das Mittelalter nicht. Da wird die Seife noch natürlich hergestellt, Achselhaare gelten bei Frauen als Qualitätsmerkmal, Jute wird zum Kleiden und Dinkel zum Essen angebaut, entfremdete Arbeit gibt es nicht, die Natur ist noch wild und intakt, die Produkte sind noch authentisch und schmackhaft und alle Menschen glauben an das Gleiche und sei es auch daran, dass die Welt eine Scheibe sei. Das ist die Sehnsucht, die tief in der Deutschen Seele verankert ist.

Partner dieser Sehnsucht nach der Märchenzeit ist eine tiefe Zivilisationsskepsis, die auch die grünen Seelen tief bewegt. Denn bei ihnen zählt Zivilisation viel weniger als die „Kultur“. Und der letzte präzivilisatorische Raum mit großer einheitlicher Kultur war eben das Mittelalter. In Wahrheit jedoch ist Kultur ein völlig qualitätsfreier Begriff, der meist nur das Dunkle und das Geraune, das aus einer scheinbar besseren Vergangenheit zu uns hinüberweht, gutzuheißen versucht. Mit emanzipatorischen Werten hat Kultur nichts zu tun.

Es gehört zur Kultur einiger Länder, Homosexuelle an Baukräne zu knüpfen. Andere wiederum verbrennen gerne Witwen. Und unsere eigene Kultur zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass sie immer schon gerne Juden verfolgte. Wenn man die Kultur als argumentativen Kampfbegriff ins Feld führt, kann man leider sehr schnell beim Unzivilisierten landen. Wie schmal der Grad zwischen kulturbeseeltem Geraune und Feiern des Unzivilisierten ist, wird am Beispiel des deutschen Philosophen Martin Heidegger deutlich. Seine Befürwortung der totalitären Erneuerung Deutschlands durch die Nazis ist die Rückseite seiner Begeisterung für die Tiefe der Kultur. Vieles, vor allem sein tief erlebtes Naturverständnis, spricht dafür, dass er heute bei den Grünen wäre.

Die Zivilisation dagegen ist weniger im Gefühl und der Seele angesiedelt, als vielmehr im Verstand. Zur Zivilisation gehören allgemeingültige Werte und Techniken, wie diese Zivilisationswerte durchzusetzen und zu bewahren sind. Zivilisation ist eine technische Größe und regelt das Miteinander entfremdeter Menschen. Arbeitsteilung – die Grundform jeder Entfremdung – ist ein konstituierendes Merkmal der Zivilisation. Die Gleichheit vor dem Gesetz ebenfalls. Vor allem aber die Freiheit des Denkens und Forschens. Damit betont die Zivilisation den Einzelnen in seiner Individualität. Die Gruppe, der Stamm, der Clan sind nichts. Übergeordnete Identifikationsmuster wie Religion oder Ideologie sind Privatsache.

Die Bereitschaft der Deutschen, die Zivilisation zugunsten einer wie auch immer gearteten Kultur zu verraten, ist leider ein historischer Fakt. Nur kann eben auch die Barbarei eine Form der Kultur sein.

Die Anbetung des Mittelalters und die Skepsis der Zivilisation gegenüber sind zutiefst deutsche Eigenschaften. Damit hat sich die Deutsche Seele eine Art Rückzugsraum geschaffen, der als ideales Gegenmodell zur Gegenwart taugt. In letzterer herrscht menschliche Kälte, die Landschaften sind verwüstet, die umgebenden Länder stellen eine Gefahr dar und kein Glaube oder Ideal hält die Menschen noch zusammen. Der Rückzugsraum jedoch bedeutet Heimeligkeit und Auenland und selbst bei progressiven Seelen hat man ihn sich mehr wie eine Märklin-Landschaft vorzustellen als wie ein Hochindustrieland.

12 Kommentare

  • Stichworte: Mittelalter, Wanderhure, Grünen, Progrome, Seife, Achselhaare, Homosexuelle an Baukräne knüpfen, Witwen verbrennen, Juden, Nazis.
    Worum gings eigentlich in dieser sehr deutschen Kampfschrift eigentlich? Ach ja, am Anfang steht es ja: Mittelalter. Und Sinn und Ziel dieses Blogs ist ja irgendwas gegen die Grünen zu schreiben.
    Leider bleibt der Text in Demagogie der reinsten Lehre stecken. War da noch was? Ach ja, Mittelalter+Grüne+Progrome+Seife+verbrennen+Juden+Nazis. Bleibt hängen. Irgendwas.

    • Markt, Ritterspiele, Gaukler, Kultur, Einklang mit der Natur, schmackhaft, authentisch, Zusammenhalt, glaubenssicher – SEHNSUCHT. Wie wäre es damit?

  • Gerne. Habe die Lupe dafür leider in der Bedienungsanleitung nicht gefunden. Der Text ist Demagogie. Und hat, als Teil Deines Blogs „der-gruene-wahn“, ein erklärtes Ziel. Ich erinnere kurz: „Noch ein Blog über die Grünen? Ja, es muss leider sein.“ Bleibt hängen. Irgendwas. „Markt, Ritterspiele, Gaukler, Kultur..“ – wohl eher nicht. Ist ja auch nicht im Sinne des Erfinders.

    • Lieber Durst, ich habe mir erlaubt, einen Absatz einzufügen, der den Unterschied zwischen Kultur und Zivilisation bescheibt. Ich hoffe, er macht den Punkt deutlich, um den es mir geht.

  • Nein, worum geht es denn in dem Text außer Demagogie? Bitte doch kurz kennzeichnen, welcher Absatz jetzt nachträglich, in den ursprünglichen, von mir kommentierten Text eingefügt wurde. Denn es bleibt undeutlich. Mehr Buchstaben bedeuten ja nicht gleich zwangsläufig mehr Sinn.

    • Es ist der drittletzte Abschnit (Die Zivilisation dagegen…), den ich eingefügt habe. Er ändert an der Ausrichtung nichts, betont den Punkt aber, den ich scheinbar verdeutlichen musste.

  • Ähm, mit dem Artikel gehe ich nicht ganz konform. Ich tingle auch gerne über Mittelaltermärkte, da ich einfach ein gewisser Geschichtsfreak bin. Aber ich habe noch nie auf dem Mittelaltermarkt jemanden getroffen, der gerne im Mittelalter gelebt hätte. Das ist vielleicht ähnlich wie mit den Krimis. Man schaut sie sich gerne an, aber niemand will gerne mit dem Täter oder gar dem Opfer tauschen. Und nur ein Bruchteil der Krimifans schlägt tatsächlich eine Polizeikarriere ein, eben weil ein Krimiabend mit Popcorn oder einem Bier eben deutlich komfortabler ist, als die tägliche Polizeiarbeit. Nicht anders geht es in meinen Augen den Mittelalterfans.

    Und was den Blick auf die Geschichte angeht: Da haben wir Deutschen in Bezug auf das Mittelalter bestimmt kein Alleinstellungsmerkmal. In der Mongolei sind mittelalterliche Reiterspiele ebenfalls eine populäre Volksunterhaltung, in Georgien erfreut sich „Chridoli“, eine Mixtur mittelalterlicher Kampfsportarten, meistens ausgetragen in Kettenhemden großer Beliebtheit, Carcassonne ist ein beliebtes Ziel französischer Touristen und welche englische Familie war noch nie wegen den Mittelalter-Mythen in Nottingham oder dem Tower of London?
    Und ich wette, dass jeder dieser Mittelaltertouris in jedem Land lauthals aufschreien würde, wenn man ihm bei der Reise das Handy wegnähme. Also zurück ins Mittelalter würde ich da nirgends hinein interpretieren. Eher ein Gefühl, das zwischen Unterhaltung und historischem Wissensdurst liegt. Infotainment eben, das bei manchen mehr in die Entertainment-Richtung und beim anderen mehr in die Informationsrichtung geht, ganz einfach.

    • Danke für die Hinweise, Walter. Ich meinte auch nicht, dass die Mittelaltersehnsucht dazu führt, dass die Menschen REAL im Mittelalter leben wollten. Das Mittelalter dient als Matrix, als eher faszinierender Sehnsuchtraum, weil alles noch so „authentisch“ war. Dass die Mongolei und Georgien ebenfalls mit dem Mittelalter kokettieren, entspricht meiner Vermutung, dass nicht die Zivilisationswerte sehnsüchtig imaginiert werden, sondern eine Kulturerinnerung geflegt wird.
      Über England hatte ich mir natürlich auch meine Gedanken gemacht, würde aber behaupten, dass England und Deutschland nicht im entferntesten vergleichbar sind, weil in E eben Historie einen seit 1.000 Jahren ungebrochenen Strang darstellt, der noch immer lebendig ist und ins Jetzt vollständig integriert ist. Da in E ALLES aus 1.000 Jahren anwesend ist, ist die Sehnsucht nicht auf eine einzelne Epoche beschränkt.

  • Das ist, um es vorsichtig zu formulieren, einer der schwächeren Texte.
    Besser erst gar nicht versuchen zu verbessern: entsorgen!
    Zumal hier diese enttäuschte Liebe, der früher durchindoktrinierte Gutmensch durchkommt:
    – „das Mittelalter“ sah die Erde NICHT als Scheibe. Schon mal was vom Reichsapfel gehört?
    – die Differenzierung von „Zivilisation“ und „Kultur“ ist ja nun völlig in die Hose gegangen. Zivilisation als eine Art Anti-Rausseau?
    Sehen Sie das hier als erstrebenswert? „Die Gruppe, der Stamm, der Clan sind nichts. Übergeordnete Identifikationsmuster wie Religion oder Ideologie sind Privatsache.“
    Wenn ja, sind Sie DA mit den GRÜNEN ganz einer Meinung!

    …und es wird immer wirrer:
    „England und Deutschland nicht im entferntesten vergleichbar sind, weil in E eben Historie einen seit 1.000 Jahren ungebrochenen Strang darstellt, der noch immer lebendig ist und ins Jetzt vollständig integriert ist. Da in E ALLES aus 1.000 Jahren anwesend ist, ist die Sehnsucht nicht auf eine einzelne Epoche beschränkt.“
    So gesehen müsste es doch bei uns Preußenumzüge und eine monarchische Bewegung geben oder …ach, ich geb’s auf.

  • Mittelalter….. das heisst fuer mich vor allem: Krankheit, Hunger, Elend, Dreck, Lebenserwartung vom 40, Krieg, verfaulte Zahnstuempfe, Kot auf der Gasse, Dummheit und Ungebildetheit, Leibeigenschaft, willkuerliche Ungerechtigkeit, Ersetzung der feinsinnigen griechisch/römischen Kultur durch Barbarentum…… das alles ist der reinste Albtraum!

    • Woher haben Sie diese tiefschürfenden Erkenntnisse? Betreffen diese Erkenntnisse das Hl. Röm. Reich? Wie erklären Sie sich die damalige (geniale) Stadtplanung (widerentdeckt 2001), wie die Fähigkeit, z.B. den Speyrer Dom zu errichten? Kann es sein, daß Sie von Bulgarien sprechen?

      Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht begreifen und die Zukunft nicht gestalten.

  • Er wird hier über das Mittelalter von einer „Kultur des Weniger“ gesprochen. Dies ist irreführend. Zumal dann, wenn man es aus der Epoche heraus betrachtet.
    Nach der Völkerwanderung war das Hochmittelalter (b. ca. 1350) ein Hort des Fortschritts und der Kultur. Es war die bewußte Anknüpfung an Rom. Latein war weitgehend Umgangssprache der Elite und wurde von großen Teilen der Bevölkerung mindestens verstanden. Über die Klöster setzte die Alphabetisierung und die Verbreitung von Büchern ein. Großbauwerke wurden realisiert.

    Mit dem Ende der mittelalterlichen Warmzeit (ab ca. 1350) setzte ein Rückschritt in Landwirtschaft und Bildung ein. Not und Krieg nahmen zu. (Verteilungskämpfe). Klimatisch dauerte diese Phase des verlangsamten Fortschritts bis ca. 1820 !!

    Mit neuerlicher Erwärmungsphase ab da, setze eine neue stürmische Entwicklung von Wissen, Forschung und zunehmendem Wohlstand ein.

    Jetzt geht es wieder herunter. Kalt statt warm. Pech gehabt.