Posts Tagged ‘Pirinçci’

Endlich: er ist wieder da

Fast pünktlich zu Führers Geburtstag schloss Georg Diez auf Spiegel-Online den Reigen an Rezensionen zu Akif Pirinçcis neuem Buch „Deutschland von Sinnen“ ab. Fast 70 Jahre musste das deutsche Feuilleton auf die Auferstehung eines neuen Führers warten. Jetzt ist er wieder da und der Kulturbetrieb hat es statt mit einem Österreicher mit einem eingedeutschten Türken zu tun. Heureka!

Man muss sich den deutschen Kulturbetrieb wie ein schönes, glitzerndes Schiff vorstellen, das sich die Damen und Herren (vornehmlich Herren) in mühevoller Kleinarbeit und einem funktionierenden Preise- und Förderbetrieb aufgebaut haben. Leider, und diesen Verdacht können selbst die Damen und Herren des Kulturbetriebs nie ganz loswerden, ist dieses schöne, glitzernde Schiff für die Unbilden des Seegangs völlig ungeeignet. Aber dieses Schiff soll ja auch gar nicht auf große Fahrt gehen. Das wäre zu profan. Das Schiff soll nur am Rand der Hafenmole sicher vertäut vor sich hinschaukeln, den Blick aufs Meer freihalten und denen, die ihren Lebensunterhalt auf dem Meer verdienen, mit letzter Tinte gute Ratschläge erteilen. Und dann kommt da jemand, baut aus wahllos gefundenem Schrott einen echten Kahn, der weder glitzert noch sehr schön anzuschauen ist, aber er sticht in See und siehe da, das Schiff nimmt Fahrt auf und die Bugwelle erreicht die Hafenmole. Read On…

Der kleine Akif riesengroß

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Die meisten kennen ihn als Romanautor mit Millionenauflage, dessen Bücher erfolgreich und teilweise mit internationaler Besetzung verfilmt wurden. Irgendwann in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts schuf er das Genre des „Katzenkrimis“ und wurde damit weltberühmt. Andere – wie ich – lernten ihn durch einen provokanten Artikel kennen, der auf der Achse des Guten erschien und den Titel „Das Schlachten hat begonnen“ trug. Darin nahm der den Mord an einem jungen Mann in Kirchweyhe zum Anlass, um darüber zu fabulieren, dass die Deutschen die eigene Auslöschung durch Mord an ihren jungen Männern nicht zur Kenntnis nehmen wollten. Dieser Text schlug hohe Wellen und brachte „dem kleinen Akif“, wie er sich fortan kokett auf seiner Facebook-Seite nannte, allerlei Vorwürfe ein. In Akif Pirinçcis neuem Buch „Deutschland von Sinnen“ ist dieser Text ebenfalls abgedruckt.

Ich erinnere mich noch daran, wie ich selbst auf diesen Text reagierte. Mit Erschrecken. Die Sprache war wütend, die Worte waren hart und die Anklage war verdammend.  Ich verstand nicht, dass Akif Pirinçci Schriftsteller und Fabelerzähler ist und deswegen in einer phantastischen Zukunft leben muss, die es – hoffentlich – nie geben wird. Es brauchte einige Zeit und einige Beschäftigung mit Pirinçci, bis ich mich an seine Schreibe gewöhnt hatte. Dann erkannte ich, dass neben seinen apokalyptischen Vorstellungen, die das Phantasierecht des Schriftstellers sind, und seinem derben Schmäh, der ganz und gar nicht österreichisch daherkommt und bereits nach kurzer Zeit zu seinem Markenzeichen wurde, ein feines und sehr ernstes Pathos mitschwingt, das berührend ist und verletzlich wirkt. Es ist dieses Pathos, das auch sein neues Buch nie in eine Hassschrift abgleiten lässt, sondern noch dem derbsten Schmäh den Funken einer unglücklichen Liebe hineingeheimnist. Read On…