Und wenn du zu lange in den Abgrund blickst…

haltsmaul

Wollte man den Zustand der Debattenkultur eines Landes anhand des Empörungsindex’ messen, Deutschland stünde momentan schlecht da. Jeder ist empört. Die SPD vom Innenminister, die CDU von der CSU, Pegida von der Lügenpresse, die AfD von der Kanzlerin, die Kanzlerin von ihrem Land und die Grünen springen mit Claudia Roth eh über jedes Empörungsstöckchen, das ihnen hingehalten wird.

Anders als bei den gesellschaftlichen Verwerfungen um die Agenda2010 oder dem Verpulvern von Milliardensummen bei der „Euro-Rettung“ ist der Empörungsindex bei der Asylbewerberkrise kurz vor der Höchstmarke. Hier geht es um was und man kann davon ausgehen, dass, steigt der Empörungspegel in diese Höhen, der Kern des Problems vor lauter Eifer aus den Augen gerät.

Im derzeitigen Irrsinn von Willkommenskultur, Kontrollverlust und Selbstauflösung bewegen wir uns auf einen Kern des eigenen Selbstverständnisses zu, der die Geister in Gläubige und Ungläubige, in Erlöser und Sünder scheidet. Es ist der Nazikompensationskomplex der Deutschen.

Den Ursprung hat der Komplex in einer erfolglosen Abnabelung vom autoritären Vater, der zu früh gestorben ist. Nun sitzen Tochter und Sohn am Küchentisch und klagen ihr Leid. Sie erzählen sich die unglaublichen Geschichten seiner Schlechtigkeit und mit jedem Tag wächst der Hass auf den Übervater. An nichts anderes kann mehr gedacht werden, von nichts anderem kann mehr gesprochen werden. Der Abwesende wird immer wieder in die Anwesenheit gerufen, bis er mächtiger ist als je zuvor. Dass dabei ständig beteuert wird, wie sehr man den Vater bereits überwunden habe, macht Freunde eher misstrauisch. Dauert dieser Zustand zu lange an, wird aus dem Verlust und der Enttäuschung ein schwerwiegender psychischer Defekt.

Inzwischen sind 70 Jahre vergangen, seit der Deutschen Übervater den Löffel abgegeben hat. Aus der erfolglosen Abnabelung ist eine handfeste „déformation psychologique“ geworden, die uns Deutsche wieder fest im Griff hat. Je lauter wir schreien, nichts mit ihm zu tun zu haben und den krampfhaften Eindruck erwecken wollen, ihn rest- und spurenlos überwunden zu haben, desto skeptischer schauen unsere Partner und Freunde auf uns und wundern sich über unser Gebaren.

Wenn nach den Worten des britischen Politologen Anthony Glees in Großbritannien der Eindruck herrsche, die Deutschen hätten seit September den Verstand verloren und seien zu einem „Hippie-Staat, der nur von Gefühlen geleitet wird“, verkommen, dann ist dies eine freundliche Zusammenfassung dessen, wie momentan der Rest der zivilisierten Welt auf den Umgang Deutschlands mit den Asylbewerberströmen schaut. Die deutsche Besessenheit vom toten Vater treibt das Land in immer wildere Experimente des Vorreitens und Bessermachens, und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, als würde dieses Land bald in einem Strudel aus Wahn, Buße und Stolz ganz verschwinden.

Noch immer thrillt uns Deutsche niemand so sehr wie „er“. Gerade die intellektuelle Elite kann sich am Ex-Führer gar nicht satt sehen. Niemand war so oft Titel-Boy des SPIEGEL; Bücher über ihn, seine Helfer, seine Frauen, seine Hunde werden fast automatisch zu Bestsellern; sein Untergang garantiert Oskars; das geschichtsbewusste Pädagogikfernsehen wäre ohne ihn nicht denkbar und die tausenden von Stunden Historiensendungen im ZDF kann man sich ohne ihn und Guido Knopp gar nicht vorstellen.

„Er“ ist immer noch ein Kassenschlager.

Fetischismus wird definiert als „die religionsähnliche Verehrung von Objekten mit besonderer Bedeutung für die eigene Identität“. Der Satz müsste erweitert werden durch den Zusatz, dass auch „die religionsähnliche Verachtung von Objekten mit besonderer Bedeutung für die eigene Identität“ Fetischismus ist. Für Günter Grass begann nach Auschwitz eine neue Zeitrechnung, und es ist nicht übertrieben, von 1945 als einer Geburt einer neuen Negativ-Religion zu sprechen, in deren Mittelpunkt „er“ steht: der umgekehrte Erlöser, der negative Heilige, der Antichrist, mit dessen Wirken eine Zeitenwende einhergeht. Durch ihn hindurch blicken „wir Deutschen“ gleichsam in unsere eigenen Abgründe des Dämonischen. Sein Name vermag magische Wirkung zu entfalten, wenn wir unsere Gegner mit seinem Bann belegen.

„Er“ – das war ja nicht einfach nur ein fehlgeleiteter deutscher Politiker, „er“ und alles, was ihn umgab, steht für das Böse schlechthin: Darth Vader und die dunkle Macht. Von Kindesbeinen an üben „wir Deutschen“ ein, wie schlimm und verwerflich diese zwölf Jahre zwischen 1933 und 1945 waren. Das Gefühl, dennoch in eben dieser kurzen Zeitspanne so etwas wie unser Wesen ex negativo zu erkennen, erfüllt uns mit Scham und dem Gefühl der Sünde. Es ist eine Art negative Einweihung, die dazu führt, dass wir meinen, unser Selbstbild, unsere Identität, unser ganzes Streben aus diesen 12 Jahren Finsternis definieren zu müssen.

„Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ (Friedrich Nietzsche)

Nun ist der Mensch ein faszinierendes Wesen mit dem ständigen Hang zur Selbsttäuschung. Selbst aufgeklärte Menschen halten es nicht lange im Wahnsinn der Finsternis aus und Scham und Sünde sind Gefühle, die einem positiven Selbstbild, das dem Menschen inkarnatorisch als Wunsch innewohnt, abträglich sind. Der Trick des Nazikompensationskomplexes ist nun, den Büßer in einen stolzen Büßer zu verwandeln.

Dass es gerade „wir Deutschen“ sein mussten, die dem Bösen derart rein zur Erscheinung verhalfen, erscheint uns dann als einzig auszeichnende Eigenart. Mit Vehemenz pochen wir darauf, dass alles an und um „ihn“ einzigartig ist: der Krieg, die Verblendung, der Holocaust. Das macht uns keiner nach. Das können nur „wir Deutschen“. Schon ist der Schalter der Scham auf Sündenstolz umgelegt.

Dass die Welt uns um ein Holocaust-Mahnmal beneiden könnte, wie es der Historiker Eberhard Jäckel allen Ernstes bei der Eröffnung des Mahnmals in Berlin voraussagte, dieser Gedanke kann nur einem Hirn entspringen, in dem die anderen Nationen die Rolle von Mitschuldigen spielen, die es nur noch nicht begriffen haben und zugeben wollen. Denn haben die Amerikaner nicht auch einen Holocaust an den Indianern betrieben? War der englische und französische Kolonialismus nicht ein Jahrhunderte währender Holocaust an der indigenen Bevölkerung? Machen sich nicht auch die Juden mit einem Holocaust an den Palästinensern schuldig?

Der Nazikompensationskomplex bricht sich nun mit Stolz Bahn: uns Deutschen kann niemand etwas vormachen, wenn es um Schuldhaftigkeit geht. Wir sind die Ersten, Einzigen und Besten, die einen klaren Blick auf die Geschichte haben. Wir sind die mit dem größten Mahnmal, für das die anderen uns nun beneiden dürfen.

So meinte die taz-Kolumnistin Silke Burmester die vor wenigen Wochen abgehaltenen jüdischen Maccabi Games in Berlin in guter linker Manier folgendermaßen kommentieren zu müssen: „Was soll das sein? Hakenkreuzweitwurf?“ Als sie dafür zu Recht hart angegangen wurde, erwiderte sie mit der Erklärung, dass sie „nur gern eine Welt jenseits der Zuordnungen hätte“, ergo die jüdischen Festspiele für überholt ansehe (merke: für Linke hinken besonders die Juden mit ihrem eigenen Staat und diesem komischen Jüdisch-Sein heillos hinterher).

„Eine Welt jenseits der Zuordnungen“ ist eine schöne Umschreibung für die einzige Utopie, die einer „Identität der Finsternis“ entspringen kann: keine Zuordnungen, keine Zugehörigkeiten, keine Festlegungen, keine Identitäten. Und wer es wagt, eine Welt ohne Zuordnungen als den Vorhof zur Hölle zu empfinden, und es vorzieht, in einer Welt mit Zuordnungen leben zu wollen, wird mit der Geste des Hochmuts der Verachtung preisgegeben: retardiert, reaktionär, eigentlich voll Nazi.

Der Nukleus des Nazikompensationskomplexes ist der Wunsch nach Strafe und Bestrafung. Vornehmlich für die westdeutsche Elite waren die letzten 70 Jahre viel zu wenig Strafe (das sieht man im Osten der Republik ganz anders, was einen gehörigen Teil der Entfremdung zwischen Ost- und Westdeutschland erklärt). Westdeutschland wurde reich und mächtig und spätestens seit der Wiedervereinigung ist der Traum eines freien Deutschlands als Teil der freien Völker möglich. Aber das verschmähen wir. Denn mit unserer Geschichte können wir nie wieder Teil sein oder Teilhaben. Wir gehören ausgestoßen. Und wenn es die anderen nicht machen, machen wir es halt selbst.

Deswegen interessiert es uns nicht, dass wir uns im Umgang mit den Asylbewerbern außerhalb aller europäischen Gepflogenheiten gestellt haben. Es ist uns egal, denn wir haben ein anderes Ziel als billige Zugehörigkeit. Was uns begeistert: für eine „Welt jenseits der Zuordnungen“ die Vorreitenden zu sein. Denn nur mit unserem Verschwinden verschwindet auch „er“.

Die Lust an der Buße trägt masochistische Züge. Jetzt, wo die zurückgebliebene und arme Welt zu uns strömt, sind wir nur zu gerne zur Stelle, um die Buße endlich existentiell werden zu lassen. Wir haben es nicht verdient, wohlhabend zu sein, in Sicherheit zu leben und unsere Eigenart zu schützen, kurzum: fortzubestehen. Wie Popstars werden die „Refugees“ dann begrüßt, denn sie sind das Symbol für die Hoffnung, endlich die Zugehörigkeit ändern zu können.

Nur im eigenen Verschwinden werden wir Deutschen wieder rein und schuldlos. Und rein und schuldlos zu sein, ist wie ein Neubeginn, eine Jungfräulichkeit, die uns die USA nach 1945 mit schnödem Wirtschaftswunder verwehrt haben. Die Scham und der Büßerstolz verbinden sich hier zu einer Erotik des Verschwindens qua Penetration durch das Fremde. Das ist geil.

Den Nazikompensationskomplex werden die anderen Nationen nie verstehen. Selbst in Deutschland geht ein Riss mitten durch das Land, denn auch den Ostdeutschen ist nach den Erfahrungen bis 1989 die Sehnsucht nach Strafe und Buße eher fremd geworden. Sicher ist: die Abnabelung vom Übervater ist im Westen der Republik grandios gescheitert. Das Anrufen seines Namens passiert so inflationär, dass man meinen könnte, das Herbeirufen von „ihm“ diene dazu, „ihn“ auch wirklich erscheinen zu lassen, um „ihn“ in einem letzten mutigen Endkampf endlich für immer besiegen und abschütteln zu können.

Was nur, wenn „er“ gar nicht wiederkommt, die Welt sich weiterdreht und der Endkampf ausbleiben muss? Das wäre wirklich empörend und die letzte Rache des toten Übervaters an seinen immer noch an ihm hängenden Kindern. Das simple Verschwinden der gehassten Fetisch-Figur ist ja das letzte, was der Kranke wirklich wünschen kann.

16 Kommentare

  • Tja, als jemand, der als Nachfahre eines vom nationalen Sozialismus Zwangsbeglücktem noch das letzte Kriegsjahr in plastischer Erinnerung hat, ist mir das, was Sie treffend beschreiben, schon frühzeitig aufgefallen.

    Konkret war das schon 1955, als Westdeutschland angeblich „souverän“ wurde. Ich war alt genug, um schon damals das freudige Suhlen im vergangenen Verbrechen zu bemerken. Immerhin hat mich die daraus erwachsende Neugier dazu getrieben, dies künftig als Historiker zu beobachten.

    Um mir den Stolz auf meine Herkunft, auf meine Heimat und mein Preußentum zu bewahren, war es zwingend notwendig, mich einem anderen sehr verwandten Staat anzuschließen, Dieser lud mich auch noch geradezu buchstäblich dazu ein.

    Seither trete ich in Drittländern nur mit dem roten Pass mit dem weißen Kreuz auf. Dies bewahrt mich vor der leisen Verachtung derer, die heute irritiert auf dieses Deutschland blicken. Aber auch hier, wo die Nazikeule durch Abnutzung immer mehr zum Stöckchen wird, ist der Hinweis auf mein Schweizertum inzwischen zu einem guten Brustpanzer geworden.

    Aber: Wie wenige können so elegant aus dem Schuldstolz aussteigen und damit Patriot bleiben?

  • Ein sehr interessanter Artikel!

    Meine Anmerkungen dazu: Es sind nicht die „Zuordnungen“ an sich, die der deutsche Tugendheld zu verabscheuen vorgibt, sondern alle Zuordnungen, bei denen er wittert, daß sie mit wertenden Abgrenzungen einhergehen. Juhu, wir sind zwar Juden, aber wir laden alle Sportler Europas auf unser Sportfest ein… und die Maccabi Games wären auch für unsere linksgestrickten Tugendhelden a la Burmester kein Problem gewesen. Die momentane Grenzabschaffung ist auch nichts anderes als gelebte Beseitigung einer wertenden Ausgrenzung Einwanderungswilliger. An Grenzen zu sagen: „Wir wollen Dich hier nicht haben, du mußt draußen bleiben“ ist wertende Ausgrenzung par excellence. Eine Asylobergrenze wäre eine Wiedereinführung von wertender Ausgrenzung, und ist daher für den linken Tugendbold inakzeptabel. Abschiebungen sind wertende Ausgrenzungen, deswegen finden sie größtenteils nicht statt, d.h. praktisch nur, wenn es sich bei den Entscheidern nicht selber schon um Tugendhelden handelt (was es ohnehin nur noch selten gibt), und die Öffentlichkeit soweit nichts mitbekommt, daß nicht ein paar andere Tugendbolde ihre Empörung lautstark kundtun, sodaß die Abzuschiebenden dann doch bleiben dürfen.

    Eine der für den deutschen Tugendhelden schlimmsten wertenden Abgrenzungen ist der Nationalismus. Der kann nicht zu selbstbewußtem Miteinander mit anderen selbstbewußten Nationen führen, sondern nur zu Krieg. Wertende Abgrenzungen auf nationaler Ebene sind allenfalls möglich, wenn die Wertung nicht auf persönlichen Vorlieben beruht, sondern auf Fußballergebnissen oder auf Zahlen im Ausland verkaufter Autos. Gehen sie mit Emotionen einher, bleiben sie aber dennoch sehr suspekt… es gehört zum Tugendheldentum, die Sorge beständig ausdrücken zu müssen, hier könne es sich vielleicht nicht lediglich um eine harmlose Freude z.B. über eine gewonnene Fußball-WM handeln, sondern um Einübungsvorgänge wertender Ausgrenzungen, die, wenn linke Tugendhelden die Vorgänge nicht sorgsam verfolgen und bei Bedarf einhegen, irgendwann zu Kriegen mit anderen Nationen führen werden.

    Der Rassismus hat sich schon längst von seiner klassischen Definition entkoppelt. Höhnisch (der Dieb will sich davonstehlen, aber wir haben ihn dennoch ertappt) wird von Tugendhelden oft konstatiert, daß Rassisten nicht mehr nach Rassen wertend abzugrenzen wagen, nachdem dieses Konzept nicht nur wissenschaftlich, sondern mehr noch geschichtlich diskreditiert ist, sondern nunmehr anhand kultureller Unterschiede zwischen Menschengruppen ihren Rassismus ausleben. Die völlige Abwesenheit von Rassentheorien würde aber nichts daran ändern, daß es sich um Rassismus handelt (bzw. angesichts der großen Palette wertender Abgrenzungen wird inzwischen von „Rassismen“ gesprochen).

    Für den Tugendhelden steht wertende Abgrenzung im Verdacht, mehr oder weniger zwangsläufig zu Auschwitz zu führen… besonders wenn sie von Deutschen ausgeht. Um das nächste Auschwitz zu verhindern, besteht also Pflicht zur ständigen Überwachung des öffentlichen Lebens auf wertende Abgrenzungen, „Rassismen“ hin, und – einmal erkannt – müssen schließlich auch Gegenmaßnahmen erlaubt sein, die – nüchtern betrachtet – den Eindruck des Hysterischen abgeben (Also es etwa als verpönenswert darzustellen, wenn Sportler jüdischen Glaubens sich auf einem Sportfest treffen und Nichtjuden da nicht mittun können). Den Begriff „Hysterie“ nimmt aber in den Augen des Tugendheldentums nur der in den Mund, der nicht akzeptiert, daß man bei der Verhinderung des nächsten Auschwitz sorgsam und gründlich vorgehen muß (Wehret den Anfängen, egal wie unbedeutend sie erscheinen mögen). Wer die Tugendheldenhysterie in diesen Dingen also so benennt, gerät selber sofort unter den Verdacht, es mit der Verhinderung des nächsten Auschwitz nicht so ernst zu nehmen… ein Unmensch also. Sicher, ohne wertende Ausgrenzungen kann es kein Auschwitz geben, aber nicht in jeder wertenden Ausgrenzung gleich das Potential eines neuen Auschwitz zu erkennen… das zeugt dem Tugendhelden wenigstens von einer bodenlosen Leichtfertigkeit.

    Es handelt sich beim Nationalmasochismus oder anderen Selbsterniedrigungsritualen der Deutschen und beim Ausgrenzungsverfolgungswahn nicht lediglich um irgendwie lustbesetzte, lange eingeübte Pawlowsche Reaktionen, sondern es gibt eine filigrane ideologische Untermauerung… der Tugendheld ist überzeugt, daß nur er es ist, der die Menschheit vor Krieg und dem nächsten Auschwitz retten wird.

    • Die Kurzbeschreibung der deutschen Geschichte ab 45 konnte nicht besser dargestellt und komprimiert werden. Der Übergang vom Nationalsozialismus in den Nationalmasochismus. Sinnbild für des Teutonen Denkungsart. Und die lautet: „Wenn schon falsch, dann richtig“; „100 prozentig“.

  • Hat mir gut gefallen, Ihr Beitrag.

    Aber ich gebe zu, daß mich die derzeitige politische Situation, die Blindheit meiner Mitmenschen und die fassungslose Vorgehensweise der Medien sehr stark belastet.
    Leider kann ich mir das „System“ nicht von außen ansehen, wie Kommentator „Quer“, sondern muß in und mit ihm leben.

    Alle Werte, die mir als ehemaliges „Grünen“-Gründungsmitglied einmal verteidigenswert erschienen, sind wertlos geworden.
    Toleranz, Redefreiheit, Gleichberechtigung sind zu Worthülsen verkommen oder zum Gegenteil dessen pervertiert, zu dem sie einst erkämpft wurden und nur noch gezielt eingesetzte Mittel, um den politischen Gegner zu diskreditieren.
    Leute, mit denen ich in den 80ern Schulter an Schulter demonstriert haben, rufen jetzt zum Hass gegen Andersdenkende auf.
    In öffentlich-rechtlichen Medien, die ich bis vor wenigen Jahren für zwar politisch eingefärbt, aber nie parteiisch gehalten hatte. Heute gibt es auch mit der gedruckten Presse einen durchgehenden Konsens, der Kritik an der völlig nutz- und besinnungslosen Politik der Herrschenden nicht nur nicht zuläßt und abbildet, sondern gleich pauschal zum kriminellen Akt verurteilt.
    So und nicht anders geht Faschismus.

    Und wenn mir auch der Nationenbegriff „Deutschland“ nie viel gesagt hat, sehe ich doch jetzt, was da an keinesfalls wertlosen Gewohnheiten, Sitten und Gebräuchen den Bach runterschwimmen wird, wenn diese abstruse Idee von „bunt“ und „Multikulti“ in letzter Konsequenz umgesetzt würde.
    Eine Familie, eine Gruppe, ein Volk ist nur überlebensfähig, wenn sie/es sich abgrenzen kann. Nur durch die Abgrenzung zu anderen wird aus einer Gruppe eine Gruppe, ein „uns“.
    Ein Haufen Leute sind eben nur ein Haufen Leute, die sich gegenseitig zu nichts verpflichtet fühlen.

    Mittlerweile interessieren mich die Zusammenhänge trotz aller Verzweiflung so, daß ich, obwohl schon im letzten Lebensdrittel angekommen, mich noch mal im Fach Soziologie immatrikulieren werde.
    Ich würde gerne etwas für mein Land tun, sehe aber schwarz ob der schieren Gewalt der anrollenden Welle Gutmenschentum, welches immer mit Geistesarmut daherkommt.

    Faschismus und Totalitarismus sind nämlich keine Sachen, die man an „links“ oder „rechts“ festmachen kann.
    Links und rechts der politischen Mitte gibts die gleiche Zahl an Nazis.
    Sie unterscheiden sich, lapidar gesagt, nur im Dresscode und in der Art der konsumierten Drogen.
    Nur hat es der Linksfaschismus geschafft, mithilfe der von Ihnen angesprochenen Büßerkultur den Blick der willfährigen, aber denkfaulen Mehrheit in diesem Staat auf den rechten Rand zu fixieren, während er sich selbst ungestört ausbreiten und als politisch opportun manifestieren konnte.

    Meiner Meinung nach ist diese Situation nicht mehr mit den Kräften, die eine Demokratie hergibt, zu lösen.

    • An Götter zu glauben, fiel mir immer sehr schwer. Ich glaube lieber an den Menschen und seine immer wieder unter Beweis gestellte Fähigkeit, sich auch Fehlentwicklungen entgegenzustellen und sie in ein (etwas) Besseres hinein zu verändern. Es ist der letzte (liberale) Glaube, der den Freiheits- und Kapitalismusliebenden antreiben und beruhigen kann, auch wenn die Welt um ihn in der Wirrnis der guten Moral aufgeht. Auf eine entspannte Art macht er auch immun gegen jegliche Untergangsszenarien. Selbst wenn man die Welt zu durchschauen meint, muss man am Ende seines Lebens nicht zwingend den geschundenen Gaul umarmen und in die Finsternis verschwinden. „Zwei Jahrtausende beinahe und nicht ein einziger neuer Gott!“ rief Nietzsche aus. Wohlan, glauben wir an den Menschen als den einzigen neuen Gott! Time for a change. Yes, we can.

    • @Rainer,

      ich schaue mir das ganze Elend nicht von außen, sondern von innen an. Meine Eigenschaft als Bürger von Basel gibt mir lediglich das Maß an (auch körperlicher und materieller) Sicherheit und Selbstgewißheit, welche dies überhaupt erst ertragen lassen.

      @Max Wedell,

      Ihre treffende Wortschöpfung „Nationalmasochismus“ verbinde ich mal mit einer anderen Feststellung zu folgendem Ganzen:

      Der moderne Nazi ist nicht braun, sondern bunt….
      und sein Holocaust ist der Mord am eigenen Volk!!
      Der Nationalsozialismus wurde überwunden:
      Der Nationalmasochismus hat ihn abgelöst

  • Nach Tucholsky heißt Deutschsein, eine Sache ihrer selbst willen zu übertreiben. Das passt auch in dieser Zeit fehlender Zwschentöne.

    • Ich will jetzt auch mal Tucholsky zitieren:

      „In Deutschland gilt derjenige, der auf Schmutz hinweist, als viel gefährlicher als derjenige, der den Schmutz macht.“

      Ein Rekordmaß an Voraussicht. Fast 80 Jahre Treffsicherheit.

  • @Quer

    Das mit dem „bunten“ statt braunen Nazis habe ich nun auch schon mehrfach gehört. Es trifft die Sache ja auch, wenn man den Begriff „Nazi“ auf den umgangssprachlich gemeinten politischen Widerling und Volksverderber bezieht und nicht auf ein Mitglied oder Anhänger der ehemaligen NSDAP.

    Ich sehe nur, daß der großen Mehrheit geistige Beweglichkeit und vor allem der Wille fehlt, um sich bis zu dieser Möglichkeit auch durchzudenken.
    Die meisten schaffen es nur bis zu den Mainstream-Parolen, wenn sie bei GMX ihre Mails abrufen.
    Und genau das nutzen Systeme, die nicht demokratisch orientiert sind, für sich aus.
    Ein mutwillig verdrehtes Zitat und ein einzelner selbstgebastelter Pappgalgen reichen aus, um Zehntausende deutscher Bürger mit einer durchaus eigenständigen Meinung, zu der sie selbst gefunden haben, in der öffentlichen Wahrnehmung zu diskreditieren, sie als politische Komponente auszublenden und ihre Forderungen zu übergehen.

    Ich habe mittlerweile erhebliche Zweifel, ob der Intellekt des durchschnittlichen Homo Sapiens mit dem System „one man, one vote“ überhaupt zurechtkommt.
    Die Mehrheit der Zeitgenossen fühlt sich offensichtlich wohler, wenn sie an der Hand genommen wird.
    „Demokratie“ ist für mich nicht das Höchste aller Dinge, wenn so eine Mehrheit von Lemmingen lediglich einer winzigen Gruppe von Hochkriminellen zur politischen Legitimation dient.

    • Der letzte Absatz kommt der Wahrheit sehr nahe. Deshalb sollten Sie (und andere) sich dieser Lektüre dringlichst annehmen:

      Hans-Hermann Hoppe: „Demokratie Der Gott, der keiner ist“ bei Manuscriptum 2003,
      ISBN 978-3-933497-86-4

      Ist für die Zeit nach dem Nationalmasochismus sehr wichtig.

    • Widerspruch. Bei einer Volksabstimmung würden sich nicht diejenigen durchsetzen, die uns tagtäglich im Staatsfernsehen als Politiker verkauft werden. Dieser Parteienstaat ist eine Demokratiesimulation.

  • Ein großartiger Artikel! Danke!
    Seit langem habe ich das Gefühl. daß die Bevölkerung von D
    in hohem Maße psychisch krank ist. Aus irgendeinem Grund brachte ich das mit der Tatsache in Zusammenhang, daß D nach dem Krieg nicht so bestraft wurde wie es dies verdient hätte. Es war die Zeit des Kalten Krieges und man brauchte D, um es gegen den Kommunismus aufzurüsten. Marshall-Plan, Aufrüstung, L. Erhardt, Wirtschaftswunder – die Deutschen waren ja immer schon tüchtig. – Keine Kinder haben wollen, alles Fremde hereinholen-, lassen, andererseits vor allem Angst zu haben – ob mit gutem Grund oder nicht, in großen Teilen der Bevölkerung der
    Haß auf die eigene Nation usw. sind keine Zeichen für eine „normale“, „gesunde“ Gesellschaft, denke ich. – In dem, was Hrr. Vahlefeld beschrieb, fand ich einige meiner Gedanken wieder. Diese Bestätigung freut mich, nicht die Tatsachen. Und es freut mich genauso wenn nicht mehr, daß es jemanden gibt, der beschrieb, was ich nie hätte beschreiben können.
    lg
    caruso

  • Als politischer Mensch und Psychologe finde ich Ihre Analyse, v.a. den Begriff „Nazikompensationskomplex“ hervorragend auf den Punkt gebracht!

  • War früher mal links (so links, dass ich eine Anhörung hatte, die für mich negativ ausfiel – habe es aber dessen ungeachtet auch zu was gebracht). Was mich von den Linken immer mehr entfremdete war mein Hang zu Fakten. Bin deswegen über die Jahre erst in eine passive Rolle geschlüpft und dann von Sarrazin aufgeweckt worden, dessen Buch ‚Deutschland schafft sich ab‘ so verrissen wurde, dass ich neugierig wurde es zu lesen. Die Diskrepanz zwischen dem Inhalt dieses Buches und der Pressewirklichkeit war für mich fast wie ein Kulturschock. Seit da beobachte ich das Treiben der ‚Lückenpresse‘ nebst dem noch schlimmeren ‚Staatsfernsehen‘ mit wachsender Sorge.
    Aus eigener Biographie (und der damaliger Kumpane) weiß ich, dass Ihr Essay eine zwar pauschale aber dennoch die Richtung sehr gut anzeigende Analyse ist. Ja, so ticken Linke (oder Gutmenschen). Ich weiß noch, wie wutentbrannt ich 1990 ansehen konnte, wie in meiner Stadt hunderte (meist junge) Menschen mit Deutschlandfahnen den Gewinn der Fußballweltmeisterschaft feierten. Ich fand diese Fahne besonders im Jahr der ‚Einverleibung‘ (Wiedervereinigung) unerträglich. Mit Betroffenheit habe ich 2013 deshalb die kleine Begebenheit bei den Freudenbekundungen der CDU nach dem Wahlsieg gesehen als Merkel Gröhe die Deutschlandfahne wegnahm und wegwarf. Für mich eine kleine Geste mit großer Symbolik. Insgesamt ein sehr gut analysierender Artikel in einer Zeit der geistigen Gleichförmigkeit. Wir steuern geradewegs auf eine subtile aber dennoch nicht wegzuwischende Diktatur der selbsternannten Gutmenschen zu. Wie damals sind mir bereits jetzt zu viele in einer geradezu fanatischen Art überzeugt, die einzige richtige Wahrheit zu besitzen. Das Urdeutsche in gewandelter neuer Form.

  • Sehr guter Artikel.
    Aber….. sie beziehen sich auf die sogenannte Elite, wohl auch in ihrem Bekanntenkreis. Ein Arbeiter, der im Schweiße seines Angesichts, seine Kröten hart verdienen muß, hat meiner Erfahrung nach, keinen Nazikomplex. Dazu hat er gar keine Zeit und Muße. Deshalb stimmten auch neulich bei einer Bildzeitungsumfrage, 90% für Seehofers Linie und gegen Merkels Poltik.

  • Das sehe ich auch so.
    Das ist aber auch als Tatsache leider so schön wie nutzlos für die Praxis.

    Was fehlt, ist eine politische Gruppierung, die das auch politisch anbietet und umsetzt.
    Daß unter dem schweren moralischen Artilleriefeuer der Linken bei einer diametral konkurrierenden Partei wie der AFD dort nur noch die beißwütigsten Köpfe übrig bleiben, ist dabei genau so logisch.
    Nur eben der Sache nicht dienlich, wenn man die Bevölkerungsbasis ansprechen will. Da schrecken viele vor zu radikalen Thesen zurück.

    Dazu fehlt es an einer halbwegs ausgewogenen Presse, in der man auch Gegenpositionen zum Regierungskonzept (ich hatte mich zuerst wirklich gescheut, dieses Wort zu benutzen) nachlesen kann.
    Alles, was an Medien bekannt und medial wirksam ist, wurde durch vorauseilenden Gehorsam gleichgeschaltet.
    Dazu bedurfte es nicht einmal eines Dekretes.

    Aber mittlerweile ist mir der Spatz in der Hand lieber als die Taube auf dem Dach.